Samstag, 27. August 2016
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-33 Grad - Polarkreis - Weihnachsmannstadt


Erfahrungsbericht
WELTBÜRGER-Stipendiat: 
Ihno S. - Finnland

Stipendium gestiftet durch:
weltweiser - Der unabhängige Bildungsberatungsdienst




Erfahrungsbericht 2

10 Monate habe ich bis jetzt im wunderschönen Finnland verbracht und viel zu früh war auch schon der Tag des Abfluges da und jetzt bin ich wieder zurück in Deutschland-Zeit für meinen zweiten Erfahrungsbericht. In diesen 6 Monaten, die zwischen diesem und dem anderen Erfahrungsbericht liegen, ist doch einiges passiert.

Im Dezember hatten wir bereits, wie im ersten Bericht erwähnt, rund 40cm Schnee und manchmal sogar -20°C. Doch das war noch nicht alles, was der finnischen Winter zu bieten hatte. Zwar ist nicht unbedingt sehr viel mehr Schnee gefallen, aber die Temperaturen haben noch einmal ein wenig angezogen. Als ich im Februar für eine Woche auf einem Camp meiner Austauschorganisation war, ist die Temperatur in meinem Zimmer in Rauma trotz geschlossener Fenster und eingeschalteter Heizung auf rund 15°C gesunken, da die Außentemperaturen in dieser Woche permanent unter -20°C waren. Der Tiefpunkt lag in Rauma bei ungefähr -27°C. Unser Camp hingegen war in Pyhätunturi (=heiliger Berg), einem Skigebiet in Lappland. Rund 50km nördlich von Rovanniemi , der Weihnachtsmannstadt auf dem Polarkreis (Hei, ich war nördlich des Polarkreises!!). Und hier war es in der Woche noch einmal kälter. Am 13.2 hatten wir am Morgen bereits geschlagene -33°C. Dennoch waren wir am Tag rund 5h Schneeschuhwandern, wobei die Temperaturen je nachdem, ob wir auf dem Berg oder im Tal waren, zwischen -20°C und -30°C schwankten.


Am nächsten Tag, haben wir das Eisfischen dann aber doch sein lassen, als unser Thermometer am Morgen -38°C anzeigte. Das hat uns allerdings nicht davon abgehalten in der Nacht 2 Stunden am See auf Polarlichter zu warten und dann auch tatsächlich weitere 2 Stunden diese zu beobachten. Dabei hatten wir richtig Glück und wir konnten sehr klare und starke Lichter beobachten. Es ist so ein unglaubliches Erlebnis! Außerdem habe ich dort meinen Führerschrein bekommen, allerdings nicht fürs Auto, sondern für Rentiere, nachdem wir eine Runde auf einem Rentierschlitten gefahren sind. Auf dem Camp war ich mit anderen Austauschschülern aus der ganzen Welt zusammen, die ebenfalls mit der Austauschorganisation wie ich im Ausland waren, in Finnland waren. Ich kann diese Fahrt allen, die ihr Jahr in Finnland verbringen, wärmstens empfehlen.

 

Ich hätte nie gedacht, dass ich jemals genug bekommen könnte von Schnee und Kälte , aber so gegen Mitte April reichte es doch langsam und ich war froh, dass dann irgendwann auch in Finnland Frühling einkehrte. Zumindest in Rauma lag Ende April kein Schnee mehr. Zu dem Zeitpunkt war die finnische Sprache kein Problem mehr, ich habe sowohl zu Hause als auch in der Schule nur noch Finnisch gesprochen. Für alle die sich vor der finnischen Sprache fürchten: Finnisch ist nicht wirklich schwer. Es gibt nur sehr viele Regeln, an die man sich erinnern muss. Das heißt es gibt zwar weniger unerklärliche Ausnahmen, aber dafür ist es ein wenig schwerer fließend frei zu sprechen, da es so viel gibt an das man sich erinnern muss, beim Schreiben ist dies allerdings kein großes Problem, da man dann genug Zeit hat alles in Ruhe zu durchdenken. Aber was fürs Finnische genauso gilt wie für alle anderen Sprachen: Am besten lernt man, wenn man einfach die Sprache benutzt. Also auch, wenn Eure Gastfamilie gut Englisch oder sogar Deutsch spricht, tut Ihr Euch keinen Gefallen damit, wenn Ihr den einfachen Weg nehmt und die Sprachen sprecht, die Ihr schon könnt, sondern sprecht die fremde Sprache. Es wird Euch sicherlich niemand auslachen, wenn Ihr Fehler macht, und die werdet Ihr sicherlich machen, sondern Euch eher dafür respektieren, dass Ihr es versucht. Außerdem ist es nicht nur freundlicher gegenüber Euren Mitschülern im Ausland, denn nicht alle können oder auch wollen immer Englisch sprechen und sie freuen sich dementsprechend, wenn man ihnen entgegenkommt und ihre Muttersprache spricht.
Abgesehen davon, dass man die Sprache benutzt, hilft es natürlich ebenfalls, wenn man wie gewohnt Grammatik und Vokabeln regelmäßig lernt, denn das macht es einfacher zu verstehen was man hört und es selbst zu verwenden.

„Beeing an exchange student is great, but coming back is hell“, so eine Freundin von mir, als wir schließlich unsere Koffer packen mussten.
Es ist schon schwer, sich von seinen Freunden in der Heimat für ein Jahr zu verabschieden, aber noch viel schwerer ist es sich von seinen neuen Freunden in der Ferne zu verabschieden. Wenn man ins Ausland aufbricht, ist man voller Vorfreude auf das Neue und außerdem weiß man ja schon, wann man Freunde und Familie wieder sieht. Aber ein Abschied von Gastfamilie und Freunden im Ausland, ohne zu wissen ob und wann man wieder mit ihnen eine längere Zeit verbringt, mit der Aussicht zurück in sein bekanntes und, in diesem Moment (zumindest für mich) auch, „langweiliges“ Umfeld zurückzukehren, ist was ganz anderes. Obwohl ich mein Leben in Finnland auch nicht immer als ganz rosig empfunden habe und ich gerne zurück bei meinen Freunden in Deutschland gewesen wäre, war es in den letzten Wochen in Finnland genau umgekehrt. „Alles zu Hause ist so vertraut und daher auch irgendwie langweilig“, so in etwa dachte ich kurz vor der Rückkehr nach Deutschland. Dies trifft natürlich nicht wirklich zu, aber so habe ich eben eine zeitlang darüber gedacht. Natürlich haben meine finnischen Freunde, meine Gastfamilie und ich uns fest vorgenommen Kontakt zu halten und uns wieder zu treffen. Spätestens seit diesem Zeitpunkt bin ich übermäßig glücklich darüber, dass es heute soziale Netzwerke wie Facebook und Programme wie Skype gibt, die es erheblich erleichtern, Kontakt zu halten. Aber auch, wenn wir uns manchmal sehen können, werden wir natürlich nicht mehr so viel Zeit miteinander verbringen, wie im vergangenen Jahr. Das macht den Abschied aus dem Gastland erheblich schwieriger. Und die ganzen lieben SMS und Abschiedsgeschenke, die ich bekommen habe, machen es auch nicht einfacher. Manchmal hätte ich mir echt gewünscht, dass mein Jahr nicht so großartig verlaufen wäre, damit mir der Abschied leichter gefallen wäre.

 

Meine Familie in Deutschland konnte es kaum noch abwarten und hat mich immer wieder gefragt, ob ich denn glücklich sei zurückzukommen. Solche Momente waren für mich recht schwer, denn wenn ich sage, dass ich mich nicht auf Deutschland freue, wären sie verständlicherweise enttäuscht, da ich ja offensichtlich nicht zu ihnen zurückwollte. Wenn ich allerdings sagte, dass ich froh bin nach Hause zu kommen, waren sie besorgt, dass ich kein schönes Jahr gehabt hätte. Beides trifft ja nicht zu. Daher waren solche Fragen für mich sehr schwer zu beantworten. Ich denke, dass man es ein wenig mit einem Urlaub vergleichen kann. Wenn Ihr einen schönen Urlaub hattet, seid Ihr doch auch immer ein wenig traurig wieder weg fahren zu müssen Obwohl es ja zu Hause deswegen nicht schlecht ist. Man kann aber auch nicht wirklich ein Auslandsjahr mit einem Urlaub vergleichen. Aber ein Austauschjahr ist natürlich sehr viel mehr als bloß ein Urlaub! Richtig verstehen kann man das wahrscheinlich eh nur, wenn man selbst eine längere Zeit im Ausland mit einem anderen festen Freundeskreis und deren Bräuchen verbracht hat und dann zurückkommt.

Stress pur: Wie bekommt man ein ganzes Jahr mit all den Erinnerungen, Andenken und Klamotten in einen Koffer? Die Kleidung war dabei noch das geringste Problem... Zum Glück wiegen heute immerhin Fotos (fast) nichts mehr…


 

Trotz allem, es war schön, meine Familie und meine Freunde wieder zu sehen.

Alles in allem hatte ich ein wirklich großartiges Auslandsjahr. In dieser Zeit habe ich viele unvergessliche Momente erlebt und viele neue Freunde kennen gelernt. Ich kann es jedem, der überlegt, ein Auslandsjahr zu machen, nur empfehlen. Es ist einfach eine unbeschreibliche und wertvolle Erfahrung. Natürlich heißt das nicht, dass man das Ganze auf die leichte Schulter nehmen sollte. Ein Auslandsjahr ist nicht immer nur Spaß ist, sondern es gibt auch durchaus schwierige und unangenehme Momente. Die gehören nun mal dazu und unterscheiden es von einem einfachen Urlaub. Außerdem lernt man die Kultur seines Gastlandes viel intensiver kennen, als man es in einem Urlaub vermutlich je könnte.
Im Prinzip ist es auch gar nicht so entscheidend in welchem Land man sein Auslandsjahr verbringt. Die Erfahrungen und Schwierigkeiten werden größtenteils die gleichen sein: ein Jahr ohne seine Familie auskommen, einen neuen Freundeskreis finden und sich in einer anderen Sprache zu verständigen, sind einige von diesen Dingen. Immer wieder wurde ich gefragt, ob es in Finnland nicht relativ langweilig und ähnlich wie in Deutschland ist. Ich kann nur sagen: „Ja, Finnland ist Deutschland in vielem ähnlich, aber auch in vielen Dingen unterschiedlich. Und langweilig war es ganz bestimmt nicht! Wie hätte es auch sein können, angesichts von all dem, was ich erleben durfte.“

Ich bin meinen Eltern, meiner Gastfamilie, meinen finnischen und deutschen Freunden, meiner Austauschorganisation und weltweiser sehr dankbar, dass sie mir dieses Jahr finanziell und durch ihre Gastfreundschaft möglich gemacht haben und, dass ich mit ihnen zusammen sein konnte und sie immer für mich da waren und auch dafür, dass sie mich, obwohl ich ein Jahr lang im Ausland war, nicht vergessen haben - im guten alten Deutschland!

 

 




 

Weitere Informationen zu Schüleraustauschprogrammen auch unter www.handbuchfernweh.de