Mittwoch, 25. Mai 2016
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Sauna - Saunasi - Saunasissa - Saunasissakin:
Das Beste an Finnland?!


Erfahrungsbericht
WELTBÜRGER-Stipendiat: 
Ihno S. - Finnland

Stipendium gestiftet durch:
weltweiser - Der unabhängige Bildungsberatungsdienst




Dezember 2010: Jetzt sind schon fast vier Monate in Finnland um, die mir eher wie vier Wochen vorkamen, und ich war total erschrocken, als ich realisierte, dass bereits fast die Hälfte meines Aufenthalts vorbei ist...

Es war schon ein seltsames Gefühl, sich am Tag vor dem Abflug von den letzten Freunden, die man nochmal sehen konnte, zu verabschieden, und den Morgen darauf auch noch von der Familie am Flughafen. Am schlimmsten war wahrscheinlich die Aufregung, als wir auf unsere Koffer am Flughafen gewartet haben und uns klar wurde, dass wir jetzt gleich unsere Gastfamilien treffen und dann unsere Reise zum endgültigen „Bestimmungsort“ antreten würden. An die rund vierstündige Fahrt vom Flughafen Helsinki-Vantaa nach Rauma, eine 30.000-Einwohner-Stadt an der Westküste Finnlands, kann ich mich nicht wirklich erinnern, da ich die meiste Zeit geschlafen habe, obwohl es gerade mal 12.00 Uhr Ortszeit in Finnland war (wir sind in Deutschland eine Stunde voraus). Das war in diesem Augenblick aber dennoch sicherlich das Beste, da weder meine Familie noch ich wussten, worüber wir hätten sprechen sollen, da meine Gasteltern so gut wie kein Englisch sprechen, und ich bis dato auch zu wenig Finnisch.




Meine Gasteltern sind 72 und 67 Jahre alt. Ich denke, dass ich kaum eine bessere Gastfamilie hätte bekommen können, da ein Gastschüler ein jahrelanger Traum von ihnen war. Da sie beide in Rente sind, haben sie auch dementsprechend viel Zeit für mich. Eigentlich habe ich auch noch eine Gastschwester, aber sie lebt zusammen mit ihrem Sohn, der jetzt also mein „Gastneffe“(?) ist. Und eben jener Gastneffe ist fast täglich bei uns, da meine Gastschwester, also seine Mutter, recht viel arbeitet.

Ich habe ein eigenes kleines Zimmer mit einem Schreibtisch und meinem Bett. Die Wände habe ich mittlerweile mit Bildern und Grüßen aus Deutschland tapeziert. Bis zu meiner Schule sind es etwa sieben Kilometer, die ich normalerweise mit dem Fahrrad fahre. Jetzt im Winter bringen mich meine Gasteltern aber meistens mit dem Auto hin, weil es, ihrer Meinung nach, entweder zu kalt oder zu verschneit ist. Eine Busverbindung von ihrem Haus in die Stadt gibt es leider nicht (die nächste Haltestelle mit einer Linie in die Stadt ist drei Kilometer entfernt). Dafür habe ich recht viel Wald und auch Wasser um mich herum. Obwohl bei uns sogar manchmal wohl Elche die Straße überqueren sollen, habe ich bis jetzt noch keinen gesehen. „Nur“ vier Rentiere...



In der Schule sind wir mittlerweile in der dritten Periode. Das finnische Schuljahr hat fünf Perioden, in denen jedes Mal die Fächer neu gewählt werden. Das finnische Kurswahlsystem fand ich nicht wirklich übersichtlich und ich war echt heilfroh, dass an meinem ersten Schultag (an meinem dritten Tag in Finnland) mir eine ehemalige Austauschschülerin, die letztes Jahr in Deutschland war, dabei geholfen hat, meine Fächer zu wählen.  Denn selbst jetzt beim dritten Mal habe ich es nicht geschafft, die Wahl über die Schulseite, wo wir untereinander und zu den Lehrern Kontakt aufnehmen können, allein zu erledigen. Stattdessen musste mir meine Kontaktlehrerin helfen.

Im Moment habe ich Mathe, Englisch, Physik, Sport und Schwedisch anstatt Deutsch. Außerdem gehe ich viermal die Woche zu einem Finnisch-Sprachkurs für Ausländer, der für uns sogar umsonst ist. Einen Nachteil hat das Kurssystem aber für mich: Es war schwerer Freunde zu finden, als in einem festen Klassenverband. Am meisten Spaß in der Schule hatte ich eigentlich immer beim Deutschunterricht, da ich dort immer muttersprachliche Beispiele geben musste. Außerdem habe ich dort einen Eishockeyspieler aus Ungarn getroffen, der drei Jahre in Österreich gespielt hat und dies jetzt in Finnland macht, sodass wir uns immer gut im Unterricht amüsieren konnten. Meinen bisher besten Freund kenne ich allerdings aus meinem Sportkurs. Das Problem ist nur, dass er nochmal 25km außerhalb der Stadt wohnt - und das in die andere Richtung, sodass wir uns praktisch nur in der Schule treffen und manchmal gemeinsam nach der Schule in der Stadt bleiben. In Bezug auf solche Dinge vermisse ich Deutschland doch ein wenig. Dort muss ich nur drei Minuten zu Fuß gehen muss, um meine Freunde zu treffen.



Es ist hier also recht schwer, mal spontan etwas in der Stadt zu machen. Das muss ich in der Regel vorher planen, um dann nach der Schule in der Stadt bleiben zu können. Deshalb bin ich auch ganz glücklich, dass das Salibandy (Floorball) Training, an dem ich jetzt ab nächster Woche teilnehme, direkt nach der Schule ist. Immerhin sind die Busverbindungen aus der Stadt raus in die größeren Städte ziemlich gut. Ist auch für mich ganz praktisch, da ich recht häufig Treffen mit anderen Austauschschülern habe. Das wohl bisher spaßigste Treffen war die Fährfahrt nach Tallin. Es ist immer lustig, die anderen zu treffen und sich untereinander auszutauschen, zumal an meiner Schule nur ein weiterer Austauschschüler aus Mexiko ist und ein paar Eishockeyspieler.

Mittlerweile war ich mit meiner Gastfamilie auch schon zweimal bei einem Spiel der Rauman Lukko, dem Eishockeyteam von Rauma. Beide Spiele wurden leider verloren.




Die Sprache ist eigentlich gar nicht so schwer, wie alle sagen. Es ist nur so, dass es unendlich viele Regeln gibt, die ganz genau festlegen, wie alles zu sein hat. Es ist eben nur schwer, sich all diese Dinge zu merken, aber zumindest ist die Sprache absolut logisch und es gibt nur sehr wenige Ausnahmen. Ungewohnt ist aber vor allem, dass anstatt durch Präposition fast alles durch Suffixe (=Anhängsel) ausgedrückt wird.
Hierzu mal ein kleines Beispiel:
Sauna=Sauna
Saunassa=in der Sauna
Saunassasi= in deiner Sauna
Saunassasikin= auch in deiner Sauna

P.S.: Für alle, die ein wenig über die finnische Sprache lachen möchten: Finnisch eine Weltsprache
Und wo wir gerade dabei sind noch für alle, die ein bisschen mehr über Finnland wissen wollen: Finn-Land



Mittlerweile bin ich jetzt schon vier Monate hier und habe gerade angefangen, auch in der Schule mit meinen Freunden Finnisch zu sprechen. Zuhause spreche ich schon seit etwa einen Monat fast nur noch Finnisch, da meine Gastfamilie (zum Glück) kaum Englisch spricht. Das ist meiner Meinung nach ein gewaltiger Vorteil, da man am besten lernt, wenn man die Sprache immer aktiv sprechen muss. Ein  „Learning-by-Doing-Effekt“. Auch wenn ich zum Teil sicherlich noch einige Fehler mache und mein Vokabular noch längst nicht reicht, um bei allen Sachen mitreden zu können, reicht er doch aus, um mich halbwegs vernünftig zu verständigen. Allerdings stellt die gesprochene Sprache hier nochmal eine neue Herausforderung gegenüber der geschriebenen Sprache dar, sodass ich auch häufig meine Englischkenntnisse bemühen musste. Für alle, die Sorge haben, dass sie in nicht-englischsprachigen Ländern kein Englisch lernen, kann ich zumindest sagen, dass diese Sorge unbegründet ist. Manchmal gab es ein echtes Durcheinander aus Deutsch, Englisch und Finnisch in meinem 'Kopf. Manche Sätze klangen dann in etwa so: „In my head on a echtes Durcheinander aus saksa, englantia ja suomea“ Manchmal habe ich auch Tage, an denen ich einfach keine Lust habe, eine meiner drei Sprachen anzuwenden. Teilweise möchte ich unbedingt den ganzen Tag nur in Finnisch sprechen, und an anderen Tagen hab ich nicht mal mehr Lust, mein Englisch zu bemühen. Aber meistens herrscht eine moderate Mischung aus Finnisch und zur Sicherheit englischen Erklärungen in der Hinterhand, wenn es etwas Wichtiges ist. Aber genauso wie man sich an den finnischen Kaffeekonsum gewöhnt, gewöhnt man sich auch an diese, meiner Meinung nach faszinierende Sprache!




Die meiner Meinung nach beste finnische Errungenschaft ist die Sauna. Ich liebe Sauna. Zweimal die Woche gehen wir zu Hause in die Sauna und dann häufig noch in die öffentliche Sauna, wo wir dann noch in einem Meeresarm schwimmen können, wobei die Oberfläche dort mittlerweile z.T. gefroren ist. Ein kleiner Bereich wird aber für die Saunagänger freigehalten. Es ist schon ein großartiges Erlebnis, in der Dunkelheit aus der heißen Sauna zu kommen, den vereisten Weg und Steg hinuntergehen und sich dann im eiskalten Wasser wieder abzukühlen, um schließlich wieder in der Sauna aufzutauen! 

Insgesamt geht es mir hier wirklich sehr gut und ich habe eigentlich nur ziemlich selten wirklich Heimweh. Mit meinen Freunden und Eltern schreibe ich wöchentlich eine Mail, und ungefähr einmal im Monat skype ich, was sich übrigens sehr empfiehlt, da dann ein einstündiges Auslandstelefonat nichts kostet. Ab und an vergesse ich allerdings mittlerweile auch schon mal, mit bei meinen Eltern und Freunden zu melden...



Normalerweise heißt es ja, dass man Weihnachten am meisten seine Heimat vermisst, aber im Moment denke ich nicht, dass es bei mir so schlimm ausfällt. Weihnachten hat in Finnland irgendwie etwas Besonderes. Vor allem dann, wenn all die Bäume und die Umgebung von Schnee bedeckt sind und das Thermometer permanent unter 0° zeigt. Ich glaube, es war bei mir seit über vier Wochen kein einziges Mal mehr über 0°, aber dafür bis zu -19,9° kalt. Seit zwei Wochen kann ich sogar mit meinem Gastvater und meinem Gastneffen im Garten auf dem recht großen Teich Eishockey spielen, und sobald ich dann irgendwann mal irgendwoher ein Paar Skier bekomme, können wir auch Langlauf machen, auch wenn hier in Rauma nicht ganz so viel Schnee liegt wie in Helsinki und Ostfinnland. Allerdings hatten wir schon im November den ersten Schnee - und jetzt können wir uns immerhin über gute 20 Zentimeter freuen.


Somit ganz liebe Grüße an alle aus dem verschneiten und wunderschönen Finnland

Ihno



Weitere Informationen zu Schüleraustauschprogrammen auch unter www.handbuchfernweh.de