Mittwoch, 29. Juni 2016
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Gingerbread und lange Schultage:
Sara´s England.


Erfahrungsbericht
WELTBÜRGER-Stipendiat: 
Sara S. - England

Stipendium gestiftet durch:
weltweiser - Der unabhängige Bildungsberatungsdienst




Februar 2011

Die Ankunft

WELCOME SARA – die Aufschrift auf dem Schild, das meine norwegische Gastschwester und meine Gasteltern hoch hielten, war das erste, was ich sah, als ich um 7:30 Uhr Ortszeit am 7. September aus dem Terminal in Birmingham, England kam. Es war nur knapp 2 Stunden her gewesen, dass ich mich zuhause, in Düsseldorf am Flughafen, nochmal mit Umarmungen und allen besten Wünschen von meinen Eltern, meiner Schwester und meiner Oma verabschiedet hatte. Den tränenreichen und traurigen Abschied von meinen Freunden hatte ich da zum Glück schon hinter mir; Am Wochenende vorher hatte ich eine Abschiedsparty gefeiert, die ich so schnell nicht wieder vergessen werde.

Der Flug an sich verlief ruhig und gut, aber es war schon komisch, den deutschen Boden hinter sich zu lassen und zu wissen, dass man so schnell erst mal nicht wiederkommt. Es war, glaube ich, auch der erste Moment, in dem ich wirklich realisiert habe, was ich mir da vorgenommen hatte: Mehr als 7 Monate fernab der Heimat in einer völlig neuen Familie und Umgebung zu leben und zurecht zu kommen.

Nachdem ich mich wacker bei der letzten Verabschiedung gehalten hatte, erreichte mich doch ein kleines Gefühlschaos im Flugzeug, als ich den Briefumschlag einer sehr guten Freundin, den ich auch ja erst im Flugzeug öffnen sollte, aufgemacht hatte und ich ein Foto von meinen Freundinnen, ein selbstgeschriebenes Gedicht, einen Glücksbringer und einen tollen Brief vorfand.

Aber bevor der Anflug von vorzeitigem Heimweh mich völlig erreichen konnte, kam die Freude und die Aufgeregtheit auf das, was kommen sollte, wieder zurück.

Auf meine Gastschwester war ich ja sehr gespannt, da ich noch nicht viel über sie wusste, außer dass sie Julie heißt, aus Norwegen kommt und dass Mathe nicht ihr Lieblingsfach ist... Und natürlich freute ich mich auch auf meine Gastfamilie: Ein älteres Ehepaar, deren Kinder schon erwachsen und aus dem Haus sind. Mit beiden Parteien hatte ich auch schon, dank technischer Mittel wie Skype, gesprochen, aber sich vorzustellen, sie wirklich zu treffen und dann auch mit ihnen zu leben, ist dann doch was anderes.
Auch dem ersten Schultag fieberte ich entgegen.
Wie ich vorher gehört hatte, sind dieses Jahr drei Gastschüler auf unserer Schule. Julie (meine Gastschwester), ieine Schwedin, Louise, und ich.

Nachdem ich herzlich am Flughafen empfangen wurde und wir nach Hause gefahren waren, habe ich meine Kleidung und Habseligkeiten mit der Hilfe meiner Gastschwester in meinem neuen Zimmer verstaut. Da wurde mir dann doch nochmal klar, dass es jetzt kein zurück mehr gab.

Viel Zeit um nachzudenken blieb mir jedoch nicht: Mein Gastvater bot an, uns in die Stadt mitzunehmen und uns etwas herumzuführen, bevor wir dann anschließend den Stadtkern auf eigene Faust erkunden dürften. Julie und ich nahmen dieses Angebot, welches sich für uns zwei auch als gutes Kennenlernen eignete, natürlich an.



Zu dem Zeitpunkt sah für mich in England noch jedes Haus so ziemlich gleich aus und alles war einfach noch so unglaublich typisch englisch. Mit Julie verstand ich mich auf Anhieb gut: Wir haben so ziemlich den selben Humor, mögen die gleichen Filme und hören auch ähnliche Musik. Teilweise waren wir sogar etwas erschrocken, wie ähnlich wir uns sind, da wir genau den gleichen iPod, das gleiche Handy und den gleichen Laptop hatten. Tja, Zufälle gibt’s!

Der erste Tag war dann auch so schnell vorbei, dass er mir weniger als ein paar Stunden vorkam. Und eh ich mich's versah, war es auch schon Abend - und ich todmüde. Neben einigen wehmütigen Gedanken an zu Hause dachte ich an diesem Abend eigentlich nur an den nächsten Morgen: Dann sollte es zum ersten Mal in die Schule gehen.



Schule

Mein Gott war ich am Vorabend aufgeregt, gespannt und auch nervös. Nach gefühlten fünf Stunden des Herumgrübelns bin ich dann aber doch irgendwann einmal eingeschlafen. Nach einer traumlosen, ersten Nacht (gutes Omen, oder nicht?), einem Apfel zum Frühstück (ganz untypisch für England) und einem guten Gefühl im Bauch ging es dann zur Schule. So weit so gut. Mein Gastvater hatte mir und Julie angeboten, uns das erst Mal zur Schule zu bringen. Er begleitete uns bis in die Eingangshalle und übergab uns da dann den für uns zuständigen Lehrer, der uns in unsere neue Klasse brachte.

Das Schulgebäude, das von außen gar nicht so groß ausgesehen hatte, entpuppte sich als wahres Labyrinth. Erst nach ungefähr zwei Wochen hatte ich mich an alles gewöhnt und konnte meinen Weg finden, ohne mich zu verlaufen.

Am ersten Tag halfen mir und den anderen Austauschschülern aber zum Glück hilfsbereite Mitschüler, so dass wir am ersten Tag zumindest nicht verloren gingen. Mittlerweile bin ich mit zwei von ihnen befreundet: Wir gehen zusammen zu den Kursen, haben Handynummern ausgetauscht und wenn es mal Probleme mit den Hausaufgaben gibt, helfen wir uns gegenseitig.                    

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Krisbel, Julie und ich (v.l.) in Birmingham



Ein paar Monate später...

Weihnachten



Unser Haus weihnachtlich dekoriert


Schon Anfang Dezember ist mir klar: Dieses Weihnachten wird wohl nicht wie üblich ablaufen. Und damit ist nicht nur die Abwesenheit meiner Familie (oder eigentlich ja eher von mir), sondern auch alles andere gemeint. Mit dem Tannenbaum fängt es da schon an. Zuhause in Deutschland wurde der immer am 23., an meinem Geburtstag, aufgestellt und geschmückt. Nicht, dass ich darauf besonderen Wert lege, dass der Tannenbaum an meinem Geburtstag aufgestellt wird. Aber ich war es nur einfach nicht gewohnt, den Tannenbaum schon Ende November im Wohnzimmer zu sehen.






Der Tannenbaum zu Hause war auch immer echt gewesen. Der in unserem Wohnzimmer in England war es nicht. Wie die meisten anderen Pflanzen in unserem Haus auch nicht! Auch auf das jährliche Plätzchen backen musste ich verzichten. Stattdessen gab es typisch englischen Christmas Pudding, Gingerbread, Plum Pudding, Mince Pie und und und... Gerne dazu gegessen wird Custard, eine Vanillesoße, die zusammen mit Apple-Pie zu meinen absoluten Lieblingsgerichten hier in England gehört. Einfach himmlisch!

Leider habe ich aber, ganz dem Vorurteil gemäß, an sich doch nicht allzu viel Gutes von der englischen Küche zu berichten. Es ist nicht so, dass hier nichts schmeckt, aber der Standard, vor allem was Fleisch und frische Sachen angeht, ist doch deutlich unter dem deutschen. In den Supermärkten ist die Fertiggerichte-Abteilung riesig. Gemüse braucht zumindest in meiner Familie somit auch nicht mehr geschnitten werden, da besagtes schon serviergerecht in Beuteln verpackt gekauft wird. Besonders letzteres war für mich erst mal völlig neue Welt, da ich leidenschaftlich gerne koche, und das Schneiden von frischem Gemüse für mich einfach dazugehört.


Zurück zum Weihnachtlichen: Wie gemeinhin bekannt, werden die Geschenke hier in England erst am 25. Dezember geöffnet. Für mich ist das in zweierlei Hinsicht etwas Besonderes, da ich normalerweise keinen Tag Pause zwischen meinen Geburtstags- und Weihnachtsgeschenken habe.

Am 25. sind meine Gastschwester und ich dann in Pyjamas runter gelaufen und haben Geschenke aufgemacht. Es war natürlich nicht wie zu Hause, aber dass es nicht so werden würde, war mir bereits bei meiner Entscheidung, ins Ausland zu gehen, klar gewesen. Es war schön, die Geschenke von meinen meiner Familie und meinen Freunden aus Deutschland, die sie mir per Post zugeschickt hatten, aufzumachen und sich darüber zu freuen, dass sie an mich gedacht hatten. Es war aber echt auch sehr schwer gewesen, die Geschenke, die ungefähr 1 bis 2 Wochen vorher angekommen waren, nicht schon vorher aufzumachen. Umso schöner war es aber dafür, sie am 25. zu öffnen

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Danach ist meine Gastfamilie, die aus meinen Gasteltern und drei Kindern im Alter von 26 bis 30 Jahren besteht, mit mir und Julie typisch Englisch Essen gegangen. Dann haben wir noch meine älteste Gastschwester und ihre zwei Kinder zur ‚tea-time’ besucht, und schwupps, war der Weihnachtstag auch schon vorbei.

Ein Zwischenfazit

Da wir Ferien haben, können meine Gastschwester und ich fast jeden Tag ausschlafen, was uns sehr gut tut. Obwohl die Schule hier in England später anfängt und man pro Nacht ungefähr eine Stunde mehr Schlaf hat, wird diese Erholung von der Menge an Hausaufgaben und dem anstrengenden Unterricht wieder aufgehoben.

Die englischen Schüler sind hier alle mitten in ihren A-Levels, dem englischen Abitur, das über 2 Jahre geht. Und das ist stressig. Hausaufgaben werden hier in England zum Beispiel auch über die Ferien aufgegeben - und das nicht zu knapp.

Am meisten zu schaffen machen mir aber die langen Schultage. Ich habe viermal in der Woche bis 15:15 Uhr Schule und einmal die Woche bis 16:30 Uhr, und dies ist alles regulärer Unterricht. Da mein Weg nach Hause nicht nur ca. 1 Stunde lang ist, sondern auch über die sehr unzuverlässigen Busverbindungen hier in England führt, bin ich an normalen Schultagen nicht vor 16:30 Uhr zuhause, wo hingegen ich in Deutschland immer spätestens um 14:45 Uhr zuhause war.

Und gerade jetzt, wenn es Winter ist, ist der Tag dann auch schon fast um, wenn man von der Schule kommt. Man macht seine Hausaufgaben und fällt dann auch schon tot müde ins Bett.

Und auch die Schulstunden an sich sind länger. In Deutschland war ich immer an 45 Minuten gewöhnt. Hier ist jede Stunde auch wirklich eine Stunde lang. Das hat auf der einen Seite wirklich den Vorteil, dass man mehr geschafft kriegt, auf der anderen Seite ziehen sich manche Stunden aber auch eine gefühlte Ewigkeit.

Ein ganz großes positives Plus hier in England sind aber die Lehrer, die ausnahmslos alle wirklich nett, kompetent und hilfsbereit sind. Das werde ich schon etwas vermissen, wenn ich nach Hause fahre. In Deutschland hätte ich mir das nicht vorstellen können mit einem Lehrer, den ich zufällig im Supermarkt treffe, 20 Minuten lang zu quatschen. Hier treffe ich des öfteren meinen Schuldirektor und Business Studies Lehrer, Mr. Tonks. Und ich und meine Gastschwester bleiben dann immer stehen, um uns mit ihm zu unterhalten. Und auch mit meiner Französischlehrerin, die übrigens auch wirklich aus Frankreich kommt und auch deutsch kann(!), unterhalte ich mich immer noch nach dem Unterricht.


England hat so seine guten Seiten, die ich wirklich liebe, aber natürlich gibt es auch so einiges, das einem daheim doch irgendwie besser gefällt. Aber dafür bin ich ja auch ins Ausland gegangen, um genau das zu erfahren.