Dienstag, 30. August 2016
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Bunte Häuser, riesige Spinnen und Gallo Pinto
Meine ersten drei Monate in Costa Rica

Erfahrungsbericht
WELTBÜRGER-Stipendiatin
Hanna F. - Costa Rica

Stipendium gestiftet durch:
Costa Rica Austausch Service (CAS)

 

Schüleraustausch Costa Rica

 

PURA VIDA! So heißt das Lebensmotto von Costa Rica, dem kleinen Land in der Karibik, in dem ich für ein Jahr als Austauschschülerin leben werde. Ich bin vierzehn Jahre alt und komme aus einer Kleinstadt in Niedersachsen. Für Costa Rica habe ich mich entschieden, weil es wunderschöne Landschaften gibt und ich mein Spanisch verbessern möchte. „Waaaaaas?! Du gehst nach Mittelamerika?! Da steigste ausm Flieger und wirst sofort erschossen!“ So sah eine Reaktion auf mein Vorhaben aus und nein, ich habe keine kugelsichere Weste eingepackt ;).

 

Aber nun erstmal zurück zum Anfang… Bevor es los ging, habe ich mir viele Erfahrungsberichte, Bilder und Internetseiten angeschaut und noch eine große Abschiedsfeier mit meinen Freunden gefeiert. Dann ging alles ganz schnell. Ich musste Koffer packen, mich von allen verabschieden und -schwups, stand ich schon mit meinen Freunden und meiner Familie am Flughafen. Mein Handgepäck bestand eigentlich nur noch aus Abschiedsgeschenken und viel Schokolade für den Flug. Doch nach den ersten zehn Minuten im Flugzeug musste ich mich schon übergeben und habe die nächsten 12 Stunden keinen Bissen mehr herunterbekommen. Der Flug war sehr lange, anstrengend aber auch sehr lustig, denn alle Austauschschüler von CAS (wir hatten uns bei einem Vortreffen schon kennengelernt) sind zusammen geflogen und alle hatten sich viel zu erzählen.

 

Als wir gegen fünf Uhr morgens in Costa Rica angekommen sind, wurden wir von unseren Gastfamilien erwartet und sind in unser neues Zuhause gefahren. Meine Gastfamilie bestand aus meiner Gastmutter Kattya, ihrer siebzehnjährigen Tochter Yadira und der Oma Yaya. Wir wohnten in einem kleinen und sehr einfachen Haus in Tibás, einer Stadt in der Nähe von San José. Ein kleines Zimmer, nur mit einem Schrank ausgestattet, wurde mir als mein Zimmer vorgestellt. Das Bett war noch nicht da, also habe ich den ersten Monat mit meiner Gastschwester das Bett geteilt. Die Dusche war auch etwas anders als zu Hause, an der Decke wohnten mir unbekannte Insekten und wenn man den Schalter für warmes Wasser umlegte, sprühten einem Funken und blaue Blitze aus dem Schalter entgegen. Ich habe einige Male einen Stromschlag bekommen, weswegen ich den ersten Monat aus Angst nur eiskalt geduscht habe. Nach einiger Zeit habe ich dann gelernt, dass man den Schalter mit der Shampooflasche umlegt, damit man keinen Stromschlag bekommt.

 

Meine Gastfamilie ernährte sich typisch costa ricanisch, das heißt wir aßen jeden Tag Gallo Pinto. Am Anfang war es schwierig (vor allem morgens schon Reis zum Frühstück!), aber man gewöhnt sich dran. Inzwischen ist es sogar mein Lieblingsessen hier.

 

Die costa ricanischen Straßen sehen total anders aus als in Deutschland. Die Häuser sind viel kleiner, aber in den buntesten Farben gestrichen. Stromleitungen verlaufen nicht unter der Straße, sondern an Strommasten. Straßennamen gibt es nicht, meine „Adresse“ lautet zum Beispiel: Vom Supermarkt 800 Meter südlich, danach 200 Meter östlich, drittes Haus auf der rechten Seite, schwarzes Tor mit einer Palme davor. Sogar auf offener Straße wurde mir von einem Obstverkäufer ein Heiratsantrag gemacht, aber ich bin schließlich nicht zum Heiraten hier!


Am Anfang habe ich mich gewundert, warum an den Seiten der Straße so große Gräben sind, doch kurz nachdem ich den „costa ricanischen Weltuntergang“ miterlebt habe, wusste ich Bescheid. Das Wetter kann sich in Sekundenschnelle ändern und es fängt an zu regnen, wie man es in Deutschland noch nicht erlebt hat. Straßen verwandeln sich in Flüsse, Abhänge in Wasserfälle und Pfützen in Seen. Selbst mit Regenschirm und Regenjacke ist man in kürzester Zeit bis auf die Kochen durchnässt, der Regen kommt einfach von überall…

 

Der erste Freund, den ich hier gefunden habe, war Sebastián. Er ist elf Jahre alt, mein Nachbar und glaub ich ziemlich stolz etwas so exotisches wie mich zu kennen. Ich war ziemlich froh, dass ich schon jemanden kannte, denn er ging auch auf meine Schule.

 

Bald kam auch mein erster Schultag im Yurusti, einer bilingualen Schule, die mitten im Nirgendwo in den Kaffeeplantagen liegt. Ich musste die Schuluniform kaufen, die aus einem grauen Poloshirt und einer dunkelblauen Hose besteht. Dazu kommen lange, blaue Socken in schwarzen Ballerinas. Ich wurde in der Klasse und bei den Lehrern vorgestellt, habe die Stundenpläne bekommen und saß im Französischunterricht. Aber Moment…. Französisch?! Ich kann kein Wort Französisch und meine neue Klasse lernt es nun seit mehreren Jahren! Ich werde es so gut wie möglich nachholen müssen, schließlich schreibe ich auch alle Arbeiten mit…

 
Das Yurusti ist ziemlich modern und sehr gepflegt. Es erinnert aber auch an eine kleine Farm, weil es dort Schafe, Ziegen, Kaninchen, Hunde und eine Schmetterlingsfarm gibt. Der Umgang zwischen Lehrern und Schülern ist total locker. Hier ist es normal, dass man das Wochenende mit seinem Lehrer am Strand verbringt, seine Handynummer hat und sich gegenseitig durchkitzelt. Das heißt aber nicht, dass es hier keinen richtigen Unterricht gibt. Es ist nur ein bisschen anders, wobei der Lehrer oft einfach redet oder etwas an die Tafel schreibt und die Klasse zuhört und mitschreibt. Vor allem in den ersten Wochen hab ich so gut wie gar nichts verstanden, einfach nicken, lächeln und hoffen, dass es keine Frage war!


Mein Lieblingsfach hier ist, ihr werdet es nicht glauben, MATHE!! Normalerweise bin ich eine absolute Niete in Mathe, aber unser Lehrer hier ist richtig cool und ich bin eine der besten Schülerinnen.
In meiner Schule ist noch eine andere deutsche Austauschschülerin und wir verstehen uns echt gut. Manchmal treffen wir uns in den Pausen und gehen zusammen in die Kaffeeplantage, wo auch tropische Früchte wachsen. Dort klettern wir auf die Bäume, reden und stopfen uns voll, bis wir nicht mehr können.


Zur Schule komme ich jeden Morgen mit einem Schulbus. Dieser ist aber kein normaler Linienbus, sondern ein kleiner VW-Bus und jeder wird persönlich morgens vor der Haustür abgeholt und mittags auch wieder dort abgesetzt. Jorge, der Busfahrer, ist immer gut drauf. Sie hören mit uns laut Musik, albern rum und rufen den Fußgängern Sprüche hinterher. Anschnallgurte oder feste Sitzplätze gibt es nicht und es passen so viele Leute rein, wie mitfahren wollen. Gleich am zweiten Schultag musste ich mich aber im Bus übergeben, weil die Fahrt sehr lang ist und ich kurz davor noch Reis und Bohnen gegessen habe. Dann saß ich in meinem Erbrochenen und hab kein Wort von dem verstanden, was alle auf mich eingeredet haben, während alle Schüler schnell angewidert aus dem Bus gesprungen sind. Tja... blöder Schulstart!

 

Schüleraustausch Costa Rica
Das Yurusti

 

Nach drei Wochen war auch schon der erste Ausflug mit CAS. Es ging für drei Tage an den Traumstrand Sámara in Guanacaste. Umgeben von Palmen und Hängematten haben wir in Strandhäusern gewohnt, direkt am Wasser. Wir haben einen Surfkurs gemacht, was rießigen Spaß gemacht und gut geklappt hat. Außerdem waren wir am Strand reiten, wobei ich ein Pferd abbekommen habe, das ein bisschen verrückt war. Es ist mit mir in einen Dornenbusch geritten und als wir im Regenwald waren, in ein rießiges Spinnennetz! Ich hab unglaubliche Angst vor Spinnen, vielleicht könnt ihr euch vorstellen wie ich schreiend vom Pferd gesprungen bin! Aber der Ausritt war super, wir sind noch auf eine Klippe geritten, von der man über die ganze Bucht gucken konnte und waren bei Sonnenuntergang am Strand galoppieren… Kurz gesagt: Es war das beste Wochenende meines Lebens!

 

Schüleraustausch Surfing
Surfen in Sámara

 

Schüleraustausch Reiten
Auf der Klippe beim Ausritt in Sámara

 

Einmal war ich auf einer Prinzessinen-Pyjamaparty, auf die mich eine Freundin der Familie mitgenommen hat. Sie war von der Kirche organisiert und es wurde viel über Gott geredet. Als die kleinen Kinder erfahren haben, dass ich nicht an Gott glaube, waren sie total geschockt und haben lange darüber diskutiert, ob ich ein Kind des Teufels bin! Ich konnte sie zum Glück vom Gegenteil überzeugen. Ein paar Tage später standen sie alle vor meiner Haustür mit einem Geschenk in der Hand. Sie hatten ihr Taschengeld zusammengelegt, um mir eine Bibel zu kaufen!

 

Schüleraustausch Party
Die Pyjamaparty

 

Nach einem Monat Costa Rica habe ich auch mein erstes Erdbeben erlebt. Ich saß in dem Moment in der Schule im Matheunterricht, als es unter meinem Po plötzlich anfing zu wackeln. Ich dachte erst, dass jemand an meinem Tisch ruckelt, aber als ich mich umgedreht habe, sah ich, dass alle aufgesprungen sind und nicht nur mein Tisch, sondern das ganze Klassenzimmer wackelte! Und nach einer Minute war der ganze Spuk auch schon vorbei…

 

Mit meiner Gastfamilie lief es nicht so gut… Wir haben nichts unternommen, ich war oft alleine zu Hause und Yadira hatte kaum Zeit für mich, weil sie immer lernen musste. Außerdem hat sich meine Gastmutter ohne zu fragen Geld aus meinem Portmonee genommen und es mir wochenlang nicht zurückgegeben. Zum Glück hat ein Mädchen aus meiner Parallelklasse mir angeboten, bei ihr einzuziehen. Ich hab alles mit meiner Organisation besprochen und konnte ohne Probleme wechseln. Meine neue Familie ist genau das Gegenteil von meiner vorherigen: Ich wohne jetzt in einem riesigen Haus in San Pablo und viel näher an meiner Schule. Ich habe 4 Gastgeschwister, César (17), Paula (15), Brenda (12) und Matias (3). Mein Gastvater ist schon ziemlich alt und hat das Sagen im Haus. Er leitet zusammen mit meiner Gastmutter eine Parfumfirma, die auch auf unserem Grundstück ist. Jeden Morgen kommen ca. 30 Mitarbeiter, also ist hier immer was los! Wir haben 3 Hunde, die aber meistens angekettet sind. Hauptsächlich essen wir Fastfood, mehrmals die Woche fahren wir in die Mall und essen bei McDonald´s. Meine Gastgeschwister machen dreimal die Woche Taekwondo und ich habe damit jetzt auch angefangen. Man kommt zwar öfters mit einem blauen Auge oder einem geprellten Zeh nach Hause, aber es macht echt Spaß und unser Trainer ist immer gut drauf! Außerdem kann ich so die ganzen Burger wieder abtrainieren! Einmal die Woche treffe ich mich auch mit Chris, er ist in meiner Parallelklasse und bringt mir das Gitarre spielen bei.

 

Schüleraustaucsh Sport
Taekwondo mit meinen Gastschwestern

 

Bis jetzt habe ich glaub ich schon ziemlich viel Selbstständigkeit gelernt und viele aufregende Momente erlebt. Zum Beispiel war ich einmal auf dem Weg von einer Freundin nach Hause, saß im Bus und bemerkte plötzlich, dass ich mein Handy bei ihr vergessen hatte. Ohne nachzudenken drückte ich den Stoppknopf, stieg aus dem Bus aus und stand mit meinem Rucksack ganz alleine auf einer Landstraße, um mich herum nur Regenwald… Nachdem ich ein Stück gelaufen bin, traf ich auf einen freundlichen Mann mit einem Fahrrad, der mich auf seinem Gepäckträger bis ins nächste Dorf mitnahm. Von dort bin ich aus Versehen in den falschen Bus gestiegen und bin wieder in einem anderen kleinen Dorf angekommen. Nachdem ich zwei weitere Busse genommen hatte, bin ich endlich bei meiner Freundin angekommen, habe mein Handy geholt und auf die Uhr geschaut… Ich musste in einer halben Stunde zu Hause sein, für den Weg brauchte man fast eine Stunde und bis der nächste Bus kam, konnte ich noch lange warten! Also nahm ich mir ein Taxi und der verrückte Typ am Steuer bot mir an, für mehr Geld doppelt so schnell zu fahren. Und los gings... wir fuhren über rote Ampeln, überholten selbst in der Kurve und schlängelten uns an kleinen Staus vorbei. Letztendlich kam ich rechtzeitig an, fiel todmüde ins Bett und hatte einen der aufregendsten Tage meines Leben hinter mir.

 

Natürlich besteht das Leben hier nicht immer nur aus Spaß und Abenteuern. Es gibt Glücksmomente, zum Beispiel wenn man an einer Seilbahn durch den Regenwald saust, vorbei an Wasserfällen und Papageien, oder wenn mein kleiner Gastbruder mir ins Ohr flüstert, dass ich seine Lieblingsschwester bin. Aber es gibt auch Momente, in denen man sich sehr einsam fühlt und sich nach Hause zu seiner Familie, seinen Freunden und dem geordneten Deutschland wünscht. Aber Tiefen gehören auch dazu und man muss das Beste draus machen!

 

Seit Ende Oktober steht schon unser Weihnachtsbaum (er ist aus Plastik, blinkt und dreht sich). Wie ich Weihnachten und die fast dreimonatelangen Ferien verbracht habe, erfahrt ihr in meinem nächsten Bericht!

 

Pura vida und bis bald,
eure Hanna