Sonntag, 31. Juli 2016
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Handsworth Secondary School im Vergleich zum
Werkgymnasium Heidenheim

Erfahrungsbericht
WELTBÜRGER-Stipendiatin
Sarah T. - Kanada

Stipendium gestiftet durch:
GLS

 

Schüleraustausch USA

 

So ganz kann ich es immer noch nicht glauben: Seit zwei Tagen lebe ich wieder mit meiner Familie in Heidenheim, Deutschland. Wie schnell doch die zehn Monate in Kanada vergangen sind! Alles kommt mir noch vor als wäre es gestern gerade erst passiert: Meine Ankunft am Flughafen in Vancouver, meine ersten Tage und Erlebnisse mit meiner Gastmutter und natürlich mein erster, aufregender Schultag. Alles war so neu und anders! So viele neue Gesichter und Klassenzimmer, andere Stundenpläne und Fächer, und dann auch noch alles auf Englisch. Das war am Anfang schon überwältigend und es hat eine Weile gedauert, bis ich meinen Weg sicher durchs Schulhaus gefunden habe. Es gab Ähnlichkeiten verglichen mit meiner Schule in Deutschland, dem Werkgymnasium Heidenheim, aber auch deutliche Unterschiede im Unterricht, den  außerschulischen Aktivitäten, der Organisation und den besonderen Angeboten. Ich möchte euch davon gerne etwas mehr erzählen, um euch einen Eindruck zu vermitteln wie es ist, für zehn Monate in Kanada zur Schule zu gehen.


Schon der Aufbau des Schulsystems in Kanada unterscheidet sich grundlegend. Während ich in Deutschland zuerst vier Jahre lang die Grundschule besucht habe und anschließend auf eine weiterführende Schule wechselte, besucht ein Schüler in Kanada zuerst die Elementary School für sieben Jahre und wechselt dann erst in der achten Klasse auf eine weiterführende Secondary School. Außerdem ist in Kanada das Gesamtschulprinzip verbreitet. Das heißt, dass alle Schüler die gleiche Art der weiterführenden Schule besuchen und nicht wie in Deutschland je nach Niveau eine andere Ausbildung erhalten. Doch die Länge der Schulausbildung dauert für den normalen Schüler an Handsworth, genauso lange wie am Werkgymnasium, nämlich 12 Jahre. Weiterführende Schulen sind in Kanada deutlich größer als in Deutschland. So besuchen am Werkgymnasium, zum Beispiel, rund 800 Schüler die Klassenstufen fünf bis zwölf. An Handsworth jedoch besuchen gut 1500 Schüler die Klassenstufen acht bis zwölf. Dadurch ist natürlich auch die Anzahl der Schüler in jeder einzelnen Klassenstufe an Handsworth, mit ungefähr 250, deutlich höher als am Werkgymnasium, wo nur ungefähr 90 Schüler meine Klassenstufe besuchen. Deshalb wurde alles an Handsworth auch etwas anders organisiert. Da es keine wirklichen Klassen gab, wurden die Schüler einer Klassenstufe alphabetisch verschiedenen Lehrern und Räumen zugeordnet. Wann immer es etwas zu verteilen, organisieren oder abzugeben gab,  musste jeder Schüler seinen „Home Room“ aufsuchen. Außerdem hatte jeder Schüler sein eigenes Schließfach. Diese gab es an den Wänden fast aller Gänge und sie hatten diese typische längliche Form mit den witzigen runden Zahlenschlösser. Sie sind deutlich größer, als die im Werkgymnasium und beim ersten Mal auch deutlich schwieriger zu öffnen. Aber wenn man es mal raus gefunden hat, ist es eigentlich ganz einfach und hat den Vorteil, dass man den Schlüssel nicht verlieren kann.


In Deutschland war ich es gewohnt, an die fünfzehn verschiedenen Fächer pro Woche zu besuchen. Außerdem hatte ich, abgesehen von Fremdsprache und Profil nicht viele Wahlmöglichkeiten. Während meines Jahres in North Vancouver hatte ich dann jedoch genau acht Fächer. Dabei hatte ich beim Wählen ziemlich viel Freiheit, wobei ich genauso wie alle anderen Schüler auch die fünf Pflichtfächer Mathe, Englisch, Geschichte, Naturwissenschaften und Sport besuchen wollte. Zusätzlich konnte ich dann noch aus einer wirklich großen Auswahl von Wahlfächern wie zum Beispiel Kochen, Nähen, Zeichnen und Malen, Töpfern, Holzbearbeitung, Orchester usw. drei weitere auswählen. Interessant fand ich es auch, dass ich genau wie jeder andere den gleichen Stundenplan hatte. Meine Fächer wurden dazu auf einer Liste den Zahlen eins bis acht zugeordnet und entsprechend konnte ich dann mit Hilfe des allgemeinen Stundenplans, der nur aus diesen Zahlen bestand, meinen persönlichen Stundenplan aufstellen. Dadurch, dass ich Nebenfächer wie Sport und Kunst genauso oft pro Woche hatte, wie Mathematik, fand ich Mathematik eher einfach, Kunst jedoch hatte ein sehr hohes Niveau. Das kanadische Schulsystem ermöglichte es mir, verschiedene Fächer auch in verschiedenen Klassenstufen zu besuchen und so wechselte ich für Mathematik in Klassenstufe zwölf, blieb aber für alle anderen Fächer ganz normal in Klassenstufe zehn.


Nicht nur die Notengebung sondern ebenfalls der  Ablauf des Schuljahrs unterscheidet sich an Handsworth grundlegend vom Werkgymnasium. Das Schuljahr ist in drei „terms“ anstelle von zwei Halbjahren aufgeteilt und die Noten werden in Prozent vergeben. Hundert Prozent sind volle Punktzahl und mit weniger als fünfzig Prozent fällt man durch. Den verschiedenen Prozentzahlen werden dann jeweils noch die Noten A bis F zugeteilt, wobei A wiederum die Beste ist.


In Kanada sind Ganztagsschulen sehr üblich. An Handsworth fing der Unterricht immer um acht Uhr dreißig an und endete um drei Uhr nachmittags. Wir hatten eine einstündige Mittagspause und ansonsten immer fünf Minuten Zeit, um unser Klassenzimmer zu wechseln. Zum Lunch habe ich von zu Hause, genauso wie die meisten anderen Schüler ein Pausenbrot mitgenommen, da in Kanada das warme Gericht üblicherweise sowieso abends gegessen wird. Es gab jedoch auch die Möglichkeit das Essen in der bereitgestellten Mikrowelle aufzuwärmen oder kleinere Gerichte, Snacks und Sandwichs in der Cafeteria zu kaufen.


Die Schule in Kanada war der Mittelpunkt des ganzen Schulalltags und so wurden auch viele Sportarten und -teams, wie zum Beispiel Basketball, Volleyball, Schwimmen, Fußball, Football und Ultimate von der Schule aus angeboten. Bei einigen war es sehr schwierig ins Team aufgenommen zu werden, da Schüler, die diese Sportart auch außerschulisch schon seit vielen Jahren spielten, einen klaren Vorteil bei den Tryouts hatten. Doch bei anderen Sportarten war es andererseits wiederum deutlich einfacher aufgenommen zu werden und manchmal gab es überhaupt keine Tryouts. Die Sportarten wurden auf die drei Seasons Herbst, Winter und Frühling aufgeteilt. Ich habe im Herbst beim Schwimmen mitgemacht und trainierte dabei zweimal pro Woche vor der Schule. Im Winter war ich im Snowboardteam. Wir sind zweimal für einen Tagestrip nach Whistler, das Skigebiet der Olympischen Winterspiele 2010 gefahren. Dort haben wir am ersten Tag in Kursen trainiert und am zweiten Tag bei einem Wettrennen teilgenommen. Wir hatten richtig viel Spaß und es war eine klasse Möglichkeit für mich auch einmal in dieses riesengroße Skigebiet zu kommen. Im Frühling habe ich dann noch bei den Tryouts für das Ultimateteam mitgemacht und bin dann auch aufgenommen worden. Ultimate ist Frisbee als Teamsport, wird zum Spaß und deswegen auch ohne Schiedsrichter gespielt. Das wichtigste ist der Spirit und es war klasse mit dem Team zweimal pro Woche zu trainieren und zusätzlich jede Woche einmal gegen eine andere Schule im Umfeld zu spielen. An Handsworth hat mir das große Angebot von außerschulischen Aktivitäten und Sportarten sehr gut gefallen. Es gab mir die Möglichkeit, neue Kontakte zu knüpfen, neue Sportarten auszuprobieren und Spaß zu haben. In meiner Schule in Deutschland wird hingegen außer ein paar Arbeitsgemeinschaften nicht viel Außerschulisches angeboten, da muss man sich dann schon im Verein anmelden.


Einmal pro Monat gab es mittwochs an Handsworth einen „Late Start“. An diesen Tagen hatten die Lehrer morgens eine Konferenz und so mussten die Schüler statt um halb neun erst um kurz vor zehn zum Unterricht kommen. Das bedeutete ausschlafen und war natürlich richtig beliebt unter den Schülern. Ich finde so etwas könnte man ruhig auch am Werkgymnasium einführen =D . Außerdem gab es besondere Thementage, wie zum Beispiel „PJ-day“, „Haloween“ und „Gold-Blue-day“ (das waren unsere Schulfarben). Dazu passend sind dann viele Leute verkleidet in die Schule gekommen. Das sah schon echt witzig aus und hat auch richtig viel Spaß gemacht. Die Schulsprecher haben außerdem noch viele andere Veranstaltungen organisiert. Im „Movember“ (wie Mustache im November) gab es einen Wettbewerb für die Jungs, sich den schönsten und kreativsten Bart wachsen zu lassen und während der Mittagspause gab es auch einmal die Möglichkeit in der Galerie Karaoke zu singen. Am „Persian New Year“ haben iranische Schüler, Lehrer und Eltern ein Fest in der Mittagspause organisiert und es war echt interessant das persische Essen zu probieren und kulturellen Tanz, Kleidung und Musik mitzuerleben. Zum Jahresende gab es von den Schülersprechern noch ein Grillfest während der Mittagspause und alle Schüler haben draußen zusammen Hot Dogs gegessen. Toll fand ich dabei das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern, denn bei all diesen Veranstaltungen haben die Lehrer natürlich genauso mitgemacht wie die Schüler. Meine Nählehrerin hat sich an Halloween als Hexe verkleidet, der Lehrer unseres Schwimmteams hat Karaoke gesungen und einige andere haben sich im November sogar einen Schnurrbart wachsen lassen.

 

Am Schuljahres Ende hat jeder Schüler zum Abschluss ein „Yearbook“ erhalten. Darin hat die Medienkunstklasse das Bild jedes einzelnen Schülers und Lehrers, viele von den witzigen Veranstaltungen und alle Fächer und Sportteams festgehalten. Mit viel Mühe wurden die Bilder aufgenommen, arrangiert und das Cover mit dem Löwen, unserem Maskottchen und den Schulfarben designed. Nachdem meine Freunde darin unterschrieben hatten konnte ich es fast nicht mehr aus der Hand legen. War es möglich dieses ganze Schuljahr in einem Buch festzuhalten? Es war einfach fesselnd, spannend und toll, anzuschauen, was ich in diesem Jahr alles erlebt hatte aber auch traurig zu sehen, dass es bald vorbei war. Doch die tollen Erinnerungen an mein aufregendstes Schuljahr, bei dem ich so viel Spaß hatte, viele neue Freunde gefunden und ganz viele neuen Erfahrungen gesammelt habe, werde ich nie wieder vergessen.

 

 

Link zu Sarahs Fotoreportage:
http://www.high-school-community.de/content/photostory/kanada-%E2%80%93-land-meiner-traeume