Samstag, 30. Juli 2016
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Weihnachten in Kanada

Erfahrungsbericht
WELTBÜRGER-Stipendiatin
Sarah T. - Kanada

Stipendium gestiftet durch:
GLS

 

Schüleraustausch USA

 

Schon seit Anfang November steht ein geschmückter Weihnachtsbaum in unserer Schulbücherei, in den Läden wurde Haloweenschmuck durch  Weihnachtsschmuck ersetzt und die Häuser, Einkaufsstraßen und Shoppingmalls sind mit bunten Lichtern und leuchtenden Tannenkränzen geschmückt. Besonders beliebt sind  rot-blau-grün-gelbe Lichterketten und  leuchtende Eiszapfen, doch Adventskränze sind nicht weit verbreitet.

 

Seit fast vier Monaten lebe ich jetzt schon in North Vancouver und besuche dort die 10. Klasse an der Handsworth Secondary School. Jeden Mittwoch nach der Schule treffe ich mich mit dem North Shore Celtic Ensemble zur Probe. Wir sind dreizehn Schülerinnen und Schüler und spielen  Geige. Mein Geigenlehrer leitet das Ensemble und  übt mit uns verschiedene keltische Melodien und Lieder. Spielen wir auf der Geige schnelle und dynamische Folkmusik, bezeichnen wir das Instrument nicht mehr als „violin“ sondern“ nennen es „fiddle“. Nachdem ich viele Jahre ausschließlich klassische Musik gespielt habe, bekomme ich jetzt zum ersten Mal die Möglichkeit eine mir völlig neue Musikstilrichtung kennenzulernen, was mir sehr viel Spaß macht. Wir lernen die Stücke nur durch Hören und ohne jegliche Notenblätter. Auch diese Methode ist neu für mich und am Anfang  nicht ganz einfach. Doch inzwischen fällt es mir immer leichter. Jetzt in der Vorweihnachtszeit proben wir besonders intensiv und geben viele Konzerte. Wir sind eine tolle Gemeinschaft und haben dabei richtig viel Spaß. Im November fuhren wir für zwei Tage nach Bowen Island, eine kleine Insel, die in kurzer Zeit mit der Fähre von Vancouver aus zu erreichen ist. Dort übernachteten wir bei den Eltern zweier Mitglieder unseres Ensembles und nahmen am nächsten Tag an einem Benefizkonzert in der örtlichen Kirche teil. Die Einnahmen kommen einem Trinkwasserprojekt in Afrika zu Gute. Highlights im selben Monat waren unsere  zwei Konzerte in großen Theatern, richtig professionell und mit viel Publikum. Zwischendurch spielten wir Unterhaltungsmusik auf einem Filmfestival und im Dezember folgte dann ein Weihnachtskonzert im West Vancouver Community Center. Auch mit dem Schulorchester gaben wir eine Reihe von Konzerten: Eines, bei dem alle Streichorchester, die mein Lehrer unterrichtet, auftraten und schließlich noch das große Winter Zone Music Concert, bei dem alle Ensembles unserer Schule vorspielten. Das Publikum saß an kleinen runden Tischen und aß Plätzchen während wir spielten. Wie gut, dass es so gemütlich war, denn die gesamte Aufführung dauerte vier Stunden! Schließlich musizierte  ich noch in der letzten Schulwoche mit einigen anderen  Orchestermitgliedern auf einem Grundschul-Weihnachtskonzert.

 

Auf unserem Hausberg, dem Grouse Mountain, beginnt jetzt die Wintersportsaison: die ersten Lifte sind offen, die Pisten planiert und ich hole mein Snowboard aus meinem Zimmer und genieße die Nachmittage mit Freunden im Schnee. Ein guter Trost für den Dauerregen in der Stadt! Die Anfahrt zur Talstation dauert mit dem Bus nur eine halbe Stunde und zehn Minuten später bin ich schon mit der Gondel an der Bergstation angekommen. Dort gibt es ein Restaurant, eine Eisfläche zum Schlittschuh laufen und sogar ein Theater. Nach und nach werden immer mehr Lifte geöffnet und zum Anfang der Winterferien ist das ganze Skigebiet mit fünf Liften, sechsundzwanzig Pisten und zwei bis drei Metern Schnee voll in Betrieb. Das macht sich auch an der Anzahl der Besucher bemerkbar. Plötzlich bilden sich Schlangen an den Liften, die Tische im Restaurant sind größtenteils belegt und Autos füllen den Parkplatz an der Talstation. Nach dem Snowboarden genieße ich es, mit Freunden ins Chalet zu gehen und eine Holzofenpizza  oder einen leckeren „beaver tail“ zu essen. Das ist ein länglicher, in Fett ausgebackener Krapfen, ähnlich dem Lángos. Meistens gibt es ihn mit einem süßen Belag, mir schmeckt er mit Nutella am Besten. Mit einer Talstation auf 274 m ist die Talabfahrt  leider nicht möglich und so fahren wir mit der Gondel auch wieder herunter. Zwischen Hausaufgaben und Geige üben gehe ich oft noch nach der Schule  Snowboarden, denn vierzehn Pisten sind beleuchtet und auch abends  geöffnet.

 

Es sind jetzt nur noch zwei Wochen bis zu den Ferien und wir fangen in Sport die Christmas Dance Unit an. Zusammen mit den drei anderen Sportklassen, die zur gleichen Zeit Unterricht haben, üben wir verschiedene Tänze. Am Ende jeder Stunde werden die zwei besten jeder Klasse mit Urkunde und Candy Cane als „Dancer of the Day“ ausgezeichnet. Zuerst lernen wir Line Dance, dann Circle Dance und zum Abschluss Square Dance.  Einen Reihentanz kannte ich schon von meinem Tanzkurs letztes Jahr und diesen variieren wir nun leicht. Doch Circle und Square Dance sind mir ganz neu. Beim Circle Dance steht die ganze Gruppe in Paaren im Kreis und während dem Tanzen wird der Partner getauscht. Das erinnert ein bisschen an Ringelreihen oder Volkstänze. Square Dance hingegen wird mit vier Paaren in Form eines Quadrats getanzt. Die meisten meiner Klassenkameraden kennen die Tänze noch von den letzten Jahren. Doch da auch eine achte Klasse bei uns mitmacht, werden alle Tänze Schritt für Schritt gezeigt und sind sehr einfach zu lernen. Diese Dance Unit in Sport gefällt mir trotz vieler Überraschungen (einmal haben wir zum Abschluss Ententanz getanzt) besonders gut  und ich lerne viele neue Tänze.

 

Die letzten zwei Schultage vor den Ferien sind sehr entspannt. Fast jeder Lehrer hat sich etwas Besonderes für seine letzte Unterrichtsstunde ausgedacht. Science ist besonders aufregend, denn wir dürfen im Klassenzimmer nebenan bei einigen Experimenten zuschauen, für die extra besondere Materialien, wie zum Beispiel festes Kohlenstoffdioxid (Trockeneis) und flüssiger Stickstoff angeschafft  wurden. Ballons mit Wasserstoff werden angezündet, Magnesium verbrannt, Rosen in flüssigen Stickstoff getaucht und zerschlagen und zum Schluss schauen wir bei einer Explosion auf dem Schulhof zu. In Textiles schaffe ich es gerade noch vor Schulende meine Pyjamahosen fertig zu nähen, um sie für die Weihnachtsferien mit nach Hause zu nehmen. Sie sind richtig gut geworden und gefallen mir viel besser als der Rock den wir davor genäht haben.

 

Das Haus habe ich mit meiner Gastmutter schon vor einiger Zeit geschmückt. Auf dem Fenstersims liegen Tannenzweige,  eine weihnachtliche Tischdecke, Servietten und Kerzen schmücken den Tisch und ein roter Weihnachtsstern steht am Fenster. Zusammen mit meinem Gastbruder  stelle ich den Weihnachtsbaum auf und behänge ihn mit einigen goldenen Weihnachtskugeln, den beliebten rot-blau-grün-gelben Lichtern und den schwedischen Strohanhängern, die meine Gastoma (sie kommt aus Schweden) selber gebastelt hat. Wir haben sogar noch eine beleuchtbare getöpferte Winterlandschaft in der Abstellkammer gefunden, im Wohnzimmer aufgebaut und liebevoll mit Schnee (dafür haben wir Watte benutzt) dekoriert.

 

High School Kanada


Am dreiundzwanzigsten Dezember kommt die ganze Verwandtschaft meiner Gastmutter zu Besuch: ihre Mutter, ihre Schwester und ihre beiden Söhne. Meine Gastoma kann wunderbar kochen und bringt jede Menge Essen mit. Vor ihrer Ankunft  räumte meine Gastmutter den Kühlschrank extra sprichwörtlich leer. Zum Abendessen testen wir schon einmal einige der Leckereien. Es gibt  verschiedene Sorten Brot, Avocado, Eier, gekochten Schinken, rote Beete, leckeren Käse, Mayonnaise, Kaschmir und Cranberry-Apfel Saft. Abends sitzen wir noch lange zusammen und unterhalten uns.


Heute ist Weihnachten und aufgrund der schwedischen Wurzeln meiner Gastfamilie werden wir am Heiligabend die Bescherung haben. In anderen Familien scheint es ganz verschieden zu sein,  die meisten Familien feiern jedoch erst morgens am fünfundzwanzigsten. Am Nachmittag  kommt der Vater meiner Gastbrüder zu Besuch und es gibt leckere Kekse. Unter dem Tannenbaum haben sich inzwischen viele Geschenke angesammelt, Kerzen werden angezündet und zum Abendessen gibt es Rotkraut, Braunkraut, Kartoffelauflauf, gebackenen Schinken mit Preiselbeeren und das Beste: selbst gemachte schwedische Fleischklößchen. Bevor  Geschenke ausgepackt werden liest meine Gasttante wie jedes Jahr die ursprüngliche Geschichte vom Wichtel Tomte, dem schwedischen Weihnachtsmann vor (in Deutsch auch bekannt als Tomte Tummetott).  Es ist schön zuzuhören und die Bilder anzuschauen, auch wenn ich schwedisch nicht wirklich verstehen kann. Da meine Gastmutter die einzige ist, die schwedisch super versteht, fassen sie den Inhalt auf Englisch zusammen. Ich bekomme viele schöne und überraschende Weihnachtsgeschenke. Einiges ist typisch kanadisch, jedoch bekomme ich auch japanisches Origamipapier und sogar eine kleine selbstgemachte schwedische Tomte-Puppe von meiner Gastoma. Abends essen wir  den traditionellen Milchbrei mit Früchten. Der Geschichte nach wird eine Schüssel mit Milchbrei für Tomte als Stärkung vor die Tür gestellt. Noch lange sitzen wir zusammen, ich spiele Weihnachtslieder auf der Geige und mein Gastbruder und meine Gastmutter begleiten mich auf dem Klavier.

 

Am ersten Weihnachtstag verbringen wir viel Zeit mit der Familie zu Hause. Wir schlafen aus, essen leckeres Weihnachtsessen, ich falte ein wenig Origami und abends spiele ich mit meinen Gastbrüdern noch sehr lange Monopoly. Viele kanadische Familien machen Stockings. Das sind die Socken, die am Kamin aufgehängt werden und dann am Morgen mit Geschenken gefüllt sind. Am Boxing Day, dem zweiten Weihnachtsfeiertag, fährt unser Besuch wieder nach Hause und nachmittags gehe ich noch mit Freunden shoppen. Fast alles ist bis auf die Hälfte reduziert, vor allem die Weihnachtssachen werden radikal heruntergesetzt, riesige Schlangen bilden sich vor den Kassen und im Einkaufszentrum wird man von den vielen Menschen fast umgerempelt. Unzählige Leute sind schon seit sieben Uhr morgens shoppen, um die besten Schnäppchen zu ergattern.

 

Die Weihnachtszeit in Kanada war für mich besonders faszinierend. Ich habe kanadische aber auch schwedische Traditionen kennen gelernt und miterleben können. Meine Gastfamilie hat mich sehr gut integriert. Mit ihnen schöne Weihnachten zu feiern war mein größtes Geschenk. Und auch die vielen Nachmittage und Wochenende, die ich mit meinen Freunden musizierend oder auf dem Berg beim Snowboarden verbracht habe waren tolle Erlebnisse. Vier Monate bin ich jetzt schon in Vancouver und die Zeit vergeht nun immer schneller. Ich freue mich auf die nächsten sechs Monate um weitere tolle Erfahrungen zu sammeln.