Montag, 26. September 2016
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6 Monate Australien: Ein Rückblick

Erfahrungsbericht
WELTBÜRGER-Stipendiatin
Thea Marie B. - Australien

Stipendium gestiftet durch:
GLS

 

Schüleraustausch USA

 

High School Australien, Adelaide, 10.07.-27.12.2012

 

„Bis in sechs Monaten“, sagte ich noch zu meinen Eltern und meinem Bruder, drehte mich um und ging durch die Absperrung von Gate 28, Terminal B am Flughafen Frankfurt. Einmal drehte ich mich noch um und winkte – und schon stand ich vor einem leeren, endlos langen Gang der mich meinem großen Ziel ein bisschen näher bringen sollte.


Was mein Ziel war wollt ihr wissen? Naja sagen wir es mal so, mein Ziel hat eine Fläche von 7.692.030 km² und etwa 22.485.300 Einwohnern. Na, weißt du schon wovon ich rede? Nein? Na gut dann werde ich es dir verraten. Die Rede ist von Australien, Down Under – dem Land der Gegensätze.


Mein Wunsch war es, ein halbes Jahr dort zur High School zu gehen, in einer Gastfamilie zu wohnen und einfach unglaublich tolle, und vor allem neue, Erfahrungen zu sammeln. Gereizt hat mich dabei auch, all dies alleine zu machen, ohne meine Eltern. Auf eigenen Beinen stehen und alleine Entscheidungen treffen, das wovon alle Teenager träumen.

 

Die Vorbereitungen für diese große Reise habe ich gerne in Angriff genommen, aber sich dann konkret von der Familie, den Freunden vom gewohnten Alltag zu verabschieden, ist schon nicht ganz einfach. Eine Woche vor meinem Abflug habe ich eine Abschiedsfeier gemacht, ein schönes Abschiedsessen mit der Familie – Oma, Opa, Tante, Onkel und Cousinen – und später einen lustigen Abend mit meinen Freundinnen und Freunden. Und, um ehrlich zu sein, diese Abschiedsfeiern waren eine gute Entscheidung; so hatte ich die Möglichkeit, alle noch einmal zu sehen. Ein halbes Jahr hört sich vielleicht nicht sehr lange an, aber in einem fremden Land, mit neuer Familie und neuen Freunden kann es manchmal ein bisschen einsam werden – so dachte ich zumindest. Aber diese Einschätzung sollte sich in wenigen Tagen ändern.

 

30 Stunden später stieg ich – nach einem langen Flug von Frankfurt nach Singapur, von Singapur nach Perth (West-Australien) und von Perth nach Adelaide (Hauptstadt von Süd-Australien) – sehr müde und erschöpft aus dem Flugzeug. In Perth war meine offizielle Einreise in Australien, sehr gründliche Kontrolle von Personalien und Gepäck, insbesondere Schuhe (ob auch kein Schmutz in den Sohlen ist!!).


Was dann in Adelaide auf mich warten würde, war auch für mich noch ein Rätsel. Wo musste ich hingehen? Würde mich jemand abholen, wie besprochen? Und wenn ja, waren die nett?


Ich war so aufgeregt, wie nie zu vor. Noch bevor ich meinen Koffer vom Band genommen hatte, standen fünf, mir noch fremde, Personen mit einem Schild vor mir: Welcome Thea Marie! Erst wusste ich gar nicht, was ich sagen sollte oder wie ich mich vorstellen sollte; aber sie waren alle so unglaublich nett und wussten natürlich sofort, wer ich war. Das Empfangskomitee waren: Eddie (mein Gastvater), Charlotte (meine Gastschwester), Zaki (eine japanische Austauschschülerin, die ein ganzes Jahr in der Familie wohnte) und Mrs. Andrea Short (Accommodation Officer, Student Services, International Education Services). Zusammen holten wir meinen Koffer und nach einigen Informationen von Frau Short über die nächsten Termine ging es dann auch schon mit dem Auto zu meinem neuen Zuhause. Die ersten Hürden waren genommen und jetzt konnte das „Abenteuer Australien“ beginnen.

 

Nach wenigen Tagen stand mir auch schon der erste Schultag bevor. Aufregung pur, sage ich euch! Fast zitternd näherte ich mich, in Begleitung der Koordinatorin für internationale Schüler, meiner neuen Klasse (homegroup). Zum Glück musste ich mich nicht gleich selber vorstellen, das übernahm meine Koordinatorin. Das war super. Und dann gab es auch schon eine Namensrunde für mich. Zwar fiel es mir schwer, mir die Namen von meinen neuen Klassenkameradinnen und -kameraden zu merken, aber das machte auch nichts. Nach ein paar Tagen weiß man sie sowieso.


Insgesamt war die Erfahrung, in einem anderen Land zu einer High School zu gehen, eine unglaublich faszinierende Sache. Ich hätte nie gedacht, dass ich so viel lernen würde. Damit meine ich nicht die Leistungsanforderungen in den Fächern, die ich auch in Deutschland hatte, wie z. B. Mathe; die waren sicherlich nicht vergleichbar. Nein, ich meine die Vielzahl von anderen Themen und Angeboten, die ich von meiner Schule Zuhause nicht kannte. So z. B. „child studies“, „dance lesson“, „drama“ usw. Aber insbesondere meine ich auch all die Erfahrungen, die meine Persönlichkeit betreffen, meine Stärken und meine Schwächen, meine Selbsteinschätzung  – kurzum, ich habe mich besser kennengelernt.


Auf dem Weg zum Erwachsenwerden macht jeder Mensch seine individuellen Erfahrungen, die dazu beitragen, das eigene Ich zu finden. Und meine Erfahrung ‚Australien’ hat definitiv bei mir dazu beigetragen, selbstbewusster zu werden, auch mal größere Schritte zu wagen und Verantwortung zu übernehmen. Meine Zeit auf dem Charles Campbell College hat sehr dazu beigetragen. Ich fühlte mich auf diesem Weg gut unterstützt, und wenn es mal Probleme gab, war immer ein Ansprechpartner da, sei es vom School-Board oder von meinen Freunden.

 

Aber auch meine Gastfamilie (hostfamily) war immer für mich da. Sie war und ist unglaublich toll. Meine Gastmutter Susan und ihr Mann Eddie haben sich rührend um mich gekümmert, wie um ihr viertes Kind. Und auch meine Gastgeschwister (Charlotte, 13; Mathew, 11; Elanore, 3) und ich sind über die Zeit zu wirklich richtigen Geschwistern geworden. Vor allem meine 13-jährige Gastschwester Charlotte und ich waren unzertrennlich, was den späteren Abschied dann umso schwieriger machte.


In dieser Familie habe ich nur tolle Erfahrungen gemacht. Am Anfang war ich ängstlich und vielleicht auch ein bisschen eingeschüchtert. Ängstlich wovor? Nun ja, auch wenn mir das Englischsprechen leicht gefallen ist, konnte ich dennoch nicht alles gleich richtig ausdrücken. Deshalb fiel es mir anfangs manchmal schwer zu erklären, worin mein Problem lag (wenn es mal eines gab). Aber meine Gastfamilie war sehr einfühlsam und hat mir immer geduldig zugehört, auch wenn meine Erklärungsversuche länger dauerten. Wir haben immer eine Lösung gefunden.


In meiner Gastfamilie gab es natürlich, wie in jeder anderen Familie auch, gewisse Regeln an die ich mich halten musste. Manche denken vielleicht, dass, wenn man alleine ins Ausland geht, man sich alle Freiheiten nehmen kann. Aber das ist natürlich nicht so, und um ehrlich zu sein, ist das nicht mal ein negativer Punkt. Grenzen gesetzt zu bekommen von Leuten, die nicht die eigenen Eltern sind, ist eine super Sache gewesen. Mit meinen Eltern wäre es vielleicht zum Streit wegen mancher Dinge gekommen, wo hingegen meine Gastfamilie und ich Gespräche über diese Dinge, z. B. Ausgehzeiten, geführt haben. Danach war dann alles klar. Und wenn man sich an die Absprachen hält, ist alles okay.


Zusammenfassend kann ich nur sagen, dass ich unglaublich glücklich in meiner „hostfamily“ war und hoffe, dass ich sie schon bald, wenn ich genug Geld gespart habe, wieder besuchen kann, oder sie mich.

 

Neben meiner Gastfamilie habe ich natürlich noch viel mehr Leute kennengelernt, neue Freundschaften, in der Nachbarschaft und in der Schule, geschlossen und auch da nur die besten Erfahrungen gemacht, von kleinen Ausnahme abgesehen ;-) !


In den ersten Tagen waren die Unterhaltungen, sei es in der Schule oder im privaten Umfeld, zwar noch etwas steif, aber sobald ich die verschieden Leute besser kennengelernte hatte – und sie mich – fanden wir schnell zueinander. So wurden die Schulpausen und Nachmittage nach und nach zu sehr spaßigen und tollen Angelegenheiten. In meinen neuen australischen Freunden habe ich unglaublich tolle Menschen gefunden. Mit den meisten habe ich mich vom ersten Tag an gut verstanden und sie haben mich offen und herzlich aufgenommen.


Während meines sechsmonatigen Aufenthaltes habe ich wochentags (und manchmal auch am Wochenende) viel mit meinen Freundinnen und Freunden unternommen und am Wochenende eher etwas mit meiner Familie oder/und mit meinen Nachbarn. Dabei habe ich andere Kulturen (z. B. Inder), andere Religionen und andere Werte und Normen kennen- und schätzen gelernt.


Mit „meiner Clique“ bin ich ins Schwimmbad, ins Kino oder sogar auf ein Konzert gegangen. Wir hatten unglaublich viel Spaß! Schon jetzt haben mehrere von ihnen ihren Besuch bei mir in Deutschland angekündigt – schaun wir mal!

 

Aber auch die schönste Zeit geht einmal vorbei und so auch dieses halbe Jahr in Down under. „Leider“ muss ich sagen, denn ich wäre gerne noch länger dort geblieben.


Am Flughafen haben meine Freunde und meine Familie noch meine letzten zwei Stunden in Australien mit mir verbracht. Ich habe noch kleine Abschiedsgeschenke bekommen und so viele Umarmungen, dass ich aufgehört habe, sie zu zählen. Als es dann so weit war und ich alleine meine Rückreise antreten musste, flossen unzählige Tränen. Ich habe mich dort so wohl und Zuhause gefühlt, dass es schwer fiel, all das hinter mir zu lassen. Doch ich musste zwangsläufig durch die Absperrung gehen und das ohne meine Familie oder meine Freunde. Erst im Flugzeug wurde mir wirklich bewusst, dass es wirklich für lange Zeit das letzte Mal war, dass ich diese lieben, mir so vertraut gewordenen Menschen, gesehen habe und die Traurigkeit überkam mich ganz stark.

 

Nach wiederum 24 Stunden Flug sah ich meine Eltern das erste Mal (ausgenommen beim skypen) nach vollen sechs Monaten wieder, und das war super. Ich freute mich unheimlich doll und vergaß für einen Moment, wie sehr ich meine australische Familie und meine Freunde auf der anderen Seite der Erde vermisste.

 

Jetzt bin ich schon seit drei Wochen wieder zu Hause und alles scheint so wie immer zu sein, außer dass mein Zimmer mit vielen Bildern von Freunden und meiner Familie aus Australien geschmückt ist. Per Skyp, E-Mail und Facebook stehe ich aber in regelmäßigem Kontakt mit all diesen lieben Menschen.

 

Ich möchte mich bei allen, bedanken die mir diese Erfahrung ermöglicht haben. Das sind zum einen meine Eltern hier in Deutschland, die mich von Anfang bis Ende unterstützt und auch über die Distanz begleitet haben. Dann bei meiner (Gast-) Familie in Australien, durch die mein Aufenthalt in Adelaide zu einer so wundervollen Zeit wurde. Und natürlich (und nicht zuletzt) auch bei GLS, die meinem Wunsch eines Auslandsaufenthaltes einen so guten organisatorischen Rahmen gegeben haben und als vertrauensvolle Ansprechpartner (insbesondere Marie Thumm) in jeder Situation zur Verfügung standen. VIELEN DANK!!

 

Thea Marie