Montag, 5. Dezember 2016
Herzlich Willkommen bei Weltbürger-Stipendien!

Du befindest dich hier: weltbuerger-stipendien.de » WELTBÜRGER-Stipendiaten » Kai D. (Neuseeland)

Mein Austauschjahr in Neuseeland -
Träume leben

Erfahrungsbericht
WELTBÜRGER-Stipendiat
Kai D. - Neuseeland

Stipendium gestiftet durch:
weltweiser

 

Schüleraustausch USA

Neuseeland, ein Land so vielfältig, wie kaum ein anderes; von hohen schneebedeckten Bergen der Südalpen durchzogen, die Gletscherzungen, die sich fast bis zur Küste hinziehen, Regenwälder, Fjorde, wunderschöne Küsten und Sandstrände und aktive Vulkane. Es gibt so viel zu entdecken und zu sehen. Ich habe ein ganzes Jahr, von Mitte Juli 2012 bis Mitte Juli 2013, dort verbracht. Jetzt sitze ich hier, fast drei Wochen nach meinem Rückflug, zuhause an meinem Schreibtisch und höre einem Song zu, der mich sehr mit Neuseeland verbindet. Jeden Tag wache ich mit dem Gedanken an das vorübergegangene Jahr auf und ich fühle eine Leere, die beschreibt, wie viel ich mich in dieser Zeit verändert habe. Ich werde noch einige Zeit brauchen, um wieder vollends in Deutschland angekommen zu sein – ich stehe immer noch mit einem Bein in Neuseeland.


Vom Anfang bis zum Ende
Nach den ersten drei Monaten fand ich mich recht gut zurecht und hatte mich eingewöhnt, aber ich hatte das Gefühl, dass 5 Monate einfach nicht genug wären – ich hatte noch nicht alle meine Ziele erreicht. Also verlängerte ich auf ein volles Jahr was ich nicht bereue! Denn erst nach einem halben Jahr während der Sommerferien hatte ich das Gefühl, mich richtig integriert zu haben! Bekannte waren jetzt richtig feste Freunde und ich habe noch einige Reisen durchs Land unternehmen können!


Der wichtigste Teil des Austausches war neben der Gastfamilie, die mich total nett aufgenommen und unterstützt haben, das College. Ich bin an das Nayland College in Nelson gegangen. In der Schule lernt man viele Kiwis und Internationals kennen. Anfangs sind es mehr die Internationals, mit denen man befreundet ist, aber wenn viele nach kurzer Zeit wieder fliegen wendet man sich zu den Neuseeländern. Ich habe unglaublich gute Freunde gefunden, die diesen Austausch ausmachen. Wir waren eine Gruppe von 15 Leuten und machten eine ganze Menge zusammen, was ich hier in Deutschland jetzt sehr vermisse. Wir sind oft nach der Schule zu Countdown, dem Neuseeländischen Supermarkt gegangen, haben uns Lunch gekauft und sind zum nahegelegten Park, Strand oder zu jemandem nach Hause gegangen. Es war eine geliebte Routine, um einfach in der Gruppe zu sein.


Mit meinen besten zwei Freunden Sven und Adam habe ich eine Woche in der Hauptstadt Wellington  organisiert. Nachdem eine „Kurzzeitgastfamilie“ in Wellington gefunden war, ging es auch schon zwei Wochen später los - ich war sowieso auf dem Rückweg von Rotorua mit meinen Gasteltern, sodass ich nicht mehr nach Wellington fliegen musste. Wir trafen uns in der Stadtmitte und gingen erst einmal zum Besucher Zentrum am Civic Square. Dort deckten wir uns mit Broschüren, Karten und Flyern ein, um noch an diesem Abend die folgende Woche planen zu können. Denn obwohl Wellington keine von langer Geschichte geprägte Stadt ist, ist es immer noch die Hauptstadt Neuseelands und hat so eine ganze Menge zu bieten. Ganz besonders interessant war die berühmte Weta Cave, aber auch der Ausblick von Mt Victoria, den wir kurz vor Sonnenuntergang bestiegen haben und so im herrlichen Licht auf ganz Wellington gucken konnten. Da Adam schon mehrmals in Wellington war konnte er Sven und mich ein bisschen führen und uns auch sehenswerte Stellen zeigen. Wir waren den ganzen Tag unterwegs und sahen uns neben dem Staatsmuseum Te Papa und dem Parlamentsgebäude noch viele andere Dinge an. Wir besuchten eine Comedy, wobei wir die einzigen Deutschen waren und so herausstachen. Nachdem uns und einige andere nach ihrer Herkunft gefragt hatte, band er uns geschickt in sein Programm ein. Alles in allem war diese Woche die beste des Jahres!


Die letzten drei Monate waren die besten meines Lebens, denn das Verhältnis zwischen mir und meiner Freundesgruppe wurde mit der Zeit immer fester. Zum Ende des Jahres wurde mir klar, dass ich nicht mehr viel Zeit hatte - ich verabredete mich doppelt so viel und versuchte jede Stunde zu nutzen. Aber irgendwann war es so weit: Der Schulball war die erste Abschiedsparty. Der Ball oder „Prom“ ist sehr angesehen und jeder machte sich besonders hübsch und zog die besten Sachen an. Es war gut, dass nicht nur das Abschlussjahr, sondern auch der 12. Jahrgang zum Ball durfte; so konnten alle meine Freunde zum Ball gehen (meine Freunde und ich waren erst Year 12 und nicht Year 13). Am letzten Wochenende organisierten wir ein Abschieds Dinner – ich hatte immer noch nicht ganz begriffen, dass ich nach Hause musste und mir nur noch wenige Tage blieben. Erst im Flugzeug passierte es. Viele Freunde hatten sich freigenommen, um mich verabschieden zu können. Es gab viele Tränen und ich fühlte eine Leere. So viel hatte ich erreicht, ich hatte mir eine eigene neue Welt aufgebaut - und jetzt!?! Ich musste wieder zurück! Ich konnte es nicht begreifen, denn ich wurde wieder in die alte Welt hineinkatapultiert. Alles ging sehr schnell und mein Freund Sven und ich saßen im Flugzeug. Durch die Fenster konnten wir alle sehen, die uns verabschiedet hatten, sie waren alle da auf der Aussichtsplatform des kleinen Flughafens in Nelson. Ein Jahr war vorüber, aus dem ich jetzt herausgerissen worden war. Ohne Sven, der genau dasselbe fühlte, wäre der Flug sehr schwierig geworden! Dafür, dass wir einfach nur über das vergangene Jahr während des langen Flugs reden konnten, war ich sehr dankbar!


Outdoor-Erlebnisse und Reisen
Meine Gastfamilie ist Spitze! Nachdem ich in den ersten fünf Wochen meine Gastfamilie gewechselt hatte, wurde ich umso netter bei meiner neuen aufgenommen. Sie unterstütze mich sehr in meinem Aufenthalt, gab mir Ratschläge und Grenzen, wofür ich ihnen dankbar bin! Durch sie konnte ich so viel von Neuseeland sehen wie kaum ein anderer. Viele Einblicke der Nord-und Südinsel habe ihnen zu verdanken. Da Andy, mein Gastvater Outdoor-Education-Lehrer ist, hatte er auch die nötige Ausrüstung, um viele verschiedene Adventures zu meistern…. Ich quelle gerade über von den vielen Dingen die wir zusammen gemacht haben, wofür ich ihm so dankbar bin, denn ich liebe es draußen zu sein! Noch jetzt vermisse ich die langen Fahrten durch Nord und Südinsel, wo man durch so viel Neuland fährt und Geschichten seiner Gasteltern und deren Kindern zuhört.


Das berühmte Neuseeländische Schulfach Outdoor-Education war genau das, was ich brauchte, um raus in die unberührte Natur Neuseelands zu kommen. Es hat mich sehr geprägt auf so vielen „Camps“ gewesen zu sein. Denn normalerweise belegt man nur einen Halbjahreskurs- in dem man auf zwei 3-Tages-Camps geht, aber ich habe einfach bei jedem Camp, in dem noch ein/zwei Plätze frei waren mitgemacht, um das Bestmögliche herauszuholen… Nach einiger Zeit haben die Lehrer mich sogar gefragt, ob ich denn nicht auf ein weiteres Camp gehen möchte. So war es dann am Ende des Jahres 11 anstatt 4 Camps! Ich habe so viele neue Eindrücke von hohen schneebedeckten Bergen und von goldenen Sandstränden mitgenommen, dass mir die Welt hier zurück in Deutschland einfach langweilig erscheint.

 

Wandern Neuseeland

Auf dem Weg nach Rotorua bin ich an einem der ältesten National Park der Welt vorbeigekommen, dem Tongariro. Direkt an dem Park vorbei führt die Desert Road. Drei aktive Vulkane werden von dem Park erschlossen.


Die Landschaft kann man am besten durch Bilder zeigen. Es war eine wichtige Lebenserfahrung in den Bergen Neuseelands über mehrere Tage zu wandern, was ich hier in Deutschland in naher Umgebung leider nicht geht. Dies ist ein Vorteil Nelsons. Zum einen gibt es die schöne und übersichtliche Stadt Nelson. Mit etwa 60.000 Einwohnern, dem Strand und das Meer und die drei angrenzenden National Parks „Abel Tasman/Golden Bay“, „Nelson Lakes NP“ und „Kahurangi NP“ lässt es sich gut leben.

 

Outdoor Education Neuseeland

Der Abel Tasman National Park bietet herrliche Möglichkeiten zum Kajaken. Zwischenstopp auf Adele Island


Nelson ist zudem Capital of MTB, auch einer der vielen Outdoor-Sportarten, die man in Nelson und Umgebung machen kann. So bin ich manchmal mit Freunden aus meiner Outdoor-Education-Klasse nach der Schule auf einen mehrstündigen MTB-Trip gegangen, um Naturerlebnis und Sport zu verbinden. Nelson war und ist für mich die ideale Stadt. Um nicht nur die Glanzseiten Nelsons aufzuzählen: Es gibt vor allem an den Wochenenden in Nelson viele Trinkparties, wo sich viele einfach nur volllaufen lassen. Auch die Kriminalitätsrate ist in manchen Vierteln hoch.


Neuseeländer ticken anders
Obwohl Neuseeland auf den ersten Blick sehr europäisch erscheint gibt es viele Kleinigkeiten, die einen Neuseeländer charakterisieren und von Europäern unterscheiden. Der für mich größte Unterschied ist Neuseelands junge Geschichte. Es gibt wenige Gebäude die hundertjährig sind, wie wir ganze Stadtviertel aus europäischen Städten kennen. Die meisten Neuseeländer können ihren Familienstammbaum bis auf die Kolonialzeit verfolgen. Zudem ist Neuseeland sehr multikulturell, was nicht nur an den Maoris liegt, den Ureinwohnern Neuseelands sondern auch an der hohen Einwanderungsrate. Auch liegt Neuseeland im Pazifik sehr abgeschieden, sodass zumindest in früheren Zeiten viele Waren nicht so schnell nachbestellt werden konnten. So hat sich eine Kultur der Wiederverwertung entwickelt. Die meisten Kiwis versuchen erst, Sachen zu reparieren und sie nicht sofort durch etwas Neues zu ersetzten.


Mir ist sofort an der Umgangsweise mit anderen Menschen aufgefallen, dass sie viel freundlicher  miteinander umgehen. So sagen sie viel „Sorry“ and „Thank you“ oder wenn man jemanden trifft „how are you“ und so weiter. Dass erscheint in den meisten Fällen sehr oberflächig aber trotzdem ist es ein Zeichen, wie miteinander umgegangen wird und wenn man die Neuseeländer besser kennen lernt, ist es nicht mehr so „oberflächig“.


Warum ein Jahr nach Neuseeland?
Ziele und Vorstellungen, die ich mir Anfangs gestellt hatte konnte ich innerhalb des halben Jahres nicht erfüllen. So beschloss ich, gemeinsam mit meinen Eltern von vorneherein die Möglichkeit offenzuhalten auf ein ganzes Jahr zu verlängern. Anfangs steht immer die Frage im Raum: Wie lange? Ich kann nur empfehlen ein ganzes Jahr im Ausland zu verbringen, um so viel wie möglich zu erleben und das Beste aus der Idee zu machen. Vor allem aus sozialer Sicht hat man viel mehr davon, ein ganzes Jahr zu bleiben; So werden Freundschaften für ein ganzes Leben geschlossen und die Leute lernen dich viel besser kennen und so entsteht Vertrauen und Nähe. Außerdem braucht jeder einige Zeit sich vollends an die neue Situation anzupassen und in dem jeweiligen Land anzukommen. Etwas sollte man nicht vergessen! Du brauchst Zeit um dich zu verabschieden!


Träume leben!
Dieser Satz hat mich im Grunde die ganze Zeit in Neuseeland begleitet. Draußen zu sein und etwas zu erleben waren die Dinge, die meine Zeit in NZ sehr prägten. Aber auch Schule und die ganz alltäglichen Dinge fehlen mir jetzt! Es war eine Zeit in der es Höhen und Tiefen gab und ich nicht nur innerlich gewachsen bin. Ich habe meine Kenntnisse von Land und Sprache erweitert und ich bin offener geworden. Es scheint als hatte jemand an der Uhr gedreht, als hätte man die Zeit zuhause gestoppt aber in NZ weiterlaufen lassen. Etwas unterscheidet mich, ob Gut oder Schlecht von den anderen.


Ich hoffe ich konnte euch einen kleinen Eindruck vermitteln und gebe noch einmal den Rat, wenn ihr vor der Entscheidung steht: Macht ein Auslandsjahr!
Danke an die Unterstützung so vieler vor allem meiner Eltern, die es mir ermöglicht haben diese Erfahrung gelebt zu haben.


Danke, dass ihr Euch die Zeit genommen habt meinen Bericht zu lesen.

Kai Denker    19.09.2013