Mittwoch, 25. Mai 2016
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Ein schwieriger Start und ein herzlicher Empfang

Erfahrungsbericht
WELTBÜRGER-Stipendiatin
Leandra H. - Costa Rica

Stipendium gestiftet durch:
weltweiser

 

Schüleraustausch USA


Guápiles, 01.10.2012

 

Meine Anreise war ein wenig komplizierter, als es eigentlich geplant war. Nachdem ich in Berlin am Flughafen meine Familie verabschiedete, flog ich zusammen mit einem Jungen meiner Austauschorganisation nach Madrid. Bis dahin lief alles gut. Allerdings hatten wir Schwierigkeiten das Gate für den Anschlussflug nach San José (Costa Rica) zu finden. Das Personal, die Größe und die Unübersichtlichkeit des Madrider Flughafens wurden uns zum Verhängnis. Da wir noch kaum Spanisch sprachen, versuchten wir uns auf englisch durch das Gebäude zu wühlen. Leider hat die Fluggesellschaft, mit der wir geflogen sind, nicht sonderlich viel mit Englisch am Hut (was im Übrigen nicht unbedingt mit Unwissenheit, als viel mehr mit Trotz oder Stolz zu tun hat). 

 

Nachdem wir einmal in jedem Terminal und so außer Atem waren, dass wir Mühe hatten überhaupt noch ein Wort zu sagen, kamen wir an den Stand einer Fluggesellschaft, an dem uns eine freundliche junge Frau endlich den Weg zum richtigen Gate beschrieb. Auf diesem Weg hat meine Begleitung dann leider auch noch seinen Pass verloren. Wir mussten also erst noch einmal dorthin zurück, wo wir den verschollenen Pass vermuteten. Dort war er aber leider nicht.

 

Weil wir schon im Sicherheitsbereich waren, schlug ich vor, erst einmal zum Gate zu gehen und den Leuten dort zu sagen, dass der Pass weg ist und zu fragen, was wir jetzt tun sollten. Am Gate angekommen, lief uns schon ein Mann entgegen. Ich fragte ihn, ob wir noch in den Flieger können. Die Antwort darauf, war so unfreundlich und dreist, dass ich mich ziemlich zusammenreißen musste, um nicht...  Nun ja die Antwort lautete jedenfalls: Wir hätten schließlich 2 Stunden Zeit gehabt und was wir wohl so lange gemacht hätten. Der Flug sei weg und das schon seit 10 Minuten. Zum ersten Punkt, den der nette Herr erwähnte, kann ich sagen, dass ich viel darauf verwetten würde, dass  wir keine 2 Stunden Zeit hatten. Ich hätte dem Herrn am liebsten geantwortet, dass ich schon immer mal allein auf einem Flughafen sitzen wollte, ohne zu wissen, was ich tun soll und um mir diesen Spaß zu erlauben, hab ich ein bisschen getrödelt und den Pass meiner Begleitung verschlampt… Aber über die Tatsache, wir den Flieger verpasst hatten, war ich so erschrocken, dass ich mir über eine passende Antwort gar keine Gedanken mehr machen konnte.

 

Wir riefen also unsere Eltern und die Austauschorganisation an, die wiederum die deutsche Botschaft in Madrid informierten, damit sie für meinen Begleiter ein Ersatzdokument ausgestellt. Die Austauschorganisation hat uns dann ein Zimmer im Flughafenhotel reserviert und von da an mussten wir jeden Tag sehr früh zum Flughafen fahren, einchecken und warten, ob im nächsten Flieger nach Costa Rica vielleicht ein Platz frei bleibt. Nach 5 Tagen und 4 Nächten in Madrid bekamen wir endlich zwei Plätze und kamen mit kleiner Verspätung in Costa Rica an.

 

Meine Gastfamilie hat mich dann hier umso herzlicher in San José empfangen! Weil ich im Flugzeug nicht schlafen konnte und Kaffee getrunken habe, konnte ich im Auto auf dem Weg nach Guápiles, wo meine Gastfamilie wohnt, die Augen kaum offen halten. Doch die Landschaft, die an uns vorbei flog, ließ mich meine Müdigkeit vergessen. So viel Natur auf einmal hatte ich nie zuvor gesehen. Es war und ist unglaublich!

 

Nach mittlerweile fast 3 Monaten habe ich mich sehr gut eingelebt und fühle mich wohl hier. Manchmal habe ich Sehnsucht nach meiner Familie oder Freunden in Deutschland, aber Heimweh habe ich bisher nicht.



Der erste Ausflug mit meiner Familie führte nach San Carlos zu einem Vulkan. Dort gibt es Freibäder mit fast heißem Wasser, welches direkt aus dem Vulkan kommt. Das ist auch einer der wenigen Orte, an denen man sich warm duschen kann.

 

Costa Rica Austausch

 

Costa Rica Schüleraustausch

 

Vor ungefähr 4 Wochen bin ich mit drei weiteren deutschen Austauschschülern nach Monte Verde in der Provinz Guanacaste zum Reiten gefahren. Diesen Ausflug hatten wir uns selbst organisiert und unsere Eltern haben zugestimmt. Es war atemberaubend! Wir sind auf einem Bergkamm entlang geritten.

 

Costa Rica High School

 

Austauschjahr Costa Rica

 

Auf der Südseite sahen wir dichten Regenwald und auf der Nordseite war fast nur Steppe. Das Highlight unseres Ausrittes, war ein Wasserfall, aus dem wir kristallklares Wasser getrunken haben.

 

Costa Rica Wanderung

 

Am nächsten Tag in Monte Verde wollten wir in den Nationalpark, hatten aber den Rezeptionisten so verstanden, dass erst ab 16.30 Uhr Touren beginnen. Also sind wir mit dem Taxi dorthin gefahren, um eine Tour mit zu machen, bei der das erworbene Geld an obdachlose Kinder gespendet wird. Bei unserer Ankunft erklärte uns dann der Tourguide, dass leider alle Touren um 16.30 Uhr ENDEN. Als wir uns also gerade wieder auf den Rückweg machen wollten, begann es wie aus Eimern an zu schütten und an dem Nationalpark gibt es keinen Taxistand. So mussten wir die durch den strömenden Regen die Straße hinunter laufen, durch die wir gekommen waren. Dabei hielten wir die Daumen nach oben, falls irgendjemand Erbarmen hätte und 4 klitschklatschnasse Jugendliche mitnehmen würde. Nach etwa 15 Minuten war an uns kein Quadratmillimeter mehr trocken, aber tatsächlich hielt ein kleiner Jeep mit Ladefläche an. Ich fragte den Fahrer, ob er uns mitnehmen könnte und das tat er dann zum Glück auch für 2.000 colones. Die Tour haben wir schließlich am dritten Tag nachgeholt und sind dann wieder zurück nach San José gefahren.

In der vergangenen Woche fuhren wir in einer kleinen Gruppe zu einem mehrtägigen Ausflug nach Nicaragua, den meine Austauschorganisation veranstaltete. Nicaragua ist ebenfalls ein wunderschönes Land und auch dort sind die Menschen sehr freundlich und offen. Komischerweise können sich die ticos (Costaricaner) und die nicas (Nicaraguaner) nicht sonderlich gut leiden. Wenn man die Leute aber fragt, woran das liegt, bekommt man ganz unterschiedliche Antworten. Zunächst verstanden wir aber gar nichts, weil sich der Dialekt der nicas stark vom costaricanischen unterscheidet. Das lernen wir hier aber inzwischen alle sehr schnell.

Die Häuser in Nicaragua sind im Gegensatz zu den Häusern in Costa Rica sehr hoch, verfügen jedoch nur über eine Etage. Außerdem sind die Türen immer weit geöffnet, sodass man den Bewohnern beinahe ins Wohnzimmer stolpert. Das erschien uns anfangs merkwürdig, schafft aber auch eine unheimlich offene Atmosphäre in den Orten.

Als wir an unserem letzten Tag in Nicaragua in einem Restaurant zu Abend gegessen hatten und gerade gehen wollten, kam ein Mann mit Krücken und in sehr zerlumpten Sachen an unseren Tisch und begann zu reden und zu singen. Er wollte allerdings gar kein Geld oder Essen von uns, sondern nur, dass wir ihm unsere „Ohren schenken“. Er trug uns Gedichte über Frieden, Freiheit und gutes Essen vor, sang selbstgeschriebene und bekannte Lieder. Einen besseren Abschluss hätten wir uns nicht vorstellen können. Da war es für uns selbstverständlich, dass er unser übrig gebliebenes Essen bekam, das wir extra einpacken ließen und wir gaben ihm das Geld, das wir noch in Cordobas, der nicaraguanische Währung, hatten. Wir haben übrigens den Mann beim Singen gefilmt und das Video ins Internet gestellt – „Freedom by John Oliver“: http://www.youtube.com/watch?v=mWxu3S1hUf4


Mit der Sprache komme ich schon ganz gut zurecht. Anfangs fiel es mir schwer, weil ich mich nicht wie gewohnt ausdrücken und mitteilen konnte. Inzwischen habe ich das gleiche Problem eher mit meiner Muttersprache, aber das ist nach drei Monaten ganz normal, sagt unsere Betreuerin. Es schwirren einfach zu viele neue Wörter und Erfahrungen gleichzeitig in unseren Köpfen herum.

 

Vorher in Deutschland habe ich mich immer gefragt, wie ich eine Sprache ohne Übungsblätter, Tafelbilder und einen Lehrer, der auch deutsch spricht, lernen könnte. Es ist ganz einfach: durch SMS und Fernsehen. Das klingt vielleicht im ersten Moment doof, aber es funktioniert, weil man sich beim SMS-schreiben mehr Zeit lassen kann, weil man so die Strukturen in der Grammatik besser erkennt, zum Beispiel Vergangenheits- und Zukunftsformen, und ganz nebenbei lernt man auch noch die Rechtschreibung, weil beim Schreiben nicht genuschelt wird. Ebenso hilft das englische Fernsehen mit den spanischen Untertiteln. Anfangs habe ich nur zugehört, weil ich noch nicht so schnell auf Spanisch lesen konnte und mein Englisch ganz gut ist. Mittlerweile höre und lese ich gleichzeitig, was beide Sprachfähigkeiten bei mir ungemein schult.

Mir war nie bewusst, dass Sprache für unser Wohlbefinden und Selbstbewusstsein so wichtig ist. Ich hatte in der ersten Zeit sogar das Gefühl, gar nicht ich selbst sein zu können, weil ich die Sprache, mit der ich nun täglich konfrontiert werde, kaum beherrschte und nicht wie gewohnt mitreden konnte. Das ist nun schon viel besser geworden, meinen „Normalzustand“ habe ich aber noch nicht ganz erreicht.

Und es gibt auch noch ein paar Dinge, an die ich mich nur schwer gewöhnen kann. Zum Beispiel sind die Menschen hier sehr viel zu Hause. Sie gehen nicht allzu oft mit Freunden aus und es läuft den ganzen Tag über mindestens ein Fernseher. Wenn man aber Toleranz übt und über die Kleinigkeiten großzügig hinwegsieht, stellt man fest, dass die Menschen hier unglaublich freundlich, redselig und hilfsbereit sind.

Die Schule ist ein weiteres spezielles Thema für sich ist. Ich besuche eine Schule mit über 2.500 Schülern, eine Größenordnung, die hier ganz normal ist. Im Unterricht wird Musik gehört, telefoniert, SMS geschrieben und gequatscht und den Lehrer stört das gar nicht - im Gegenteil: er macht mit. Wenn die Schüler Tests schreiben, dann telefoniert er oder geht einfach ins Nachbarzimmer und redet dort mit einem anderen Lehrer. Ich hab mich sogar mal 2 Stunden lang mit einem Englischlehrer unterhalten und als ich ihn gefragt habe, ob er nicht Unterricht machen müsste, meinte er, dass seine Klasse keine Lust hätte. Und den Lehrstoff, der hier in der 10. oder 11. Klasse behandelt wird, haben wir in Deutschland in der 8. oder 9. Klasse schon gelernt.

 

Costa Rica

 

Costa Rica Landschaft

 

Mein Gastpapa ist einer der lustigsten Menschen, die ich bisher getroffen habe. Obwohl er auf Fotos manchmal etwas grimmig aussieht, bringt er die ganze Familie zum Lachen. Meine Gastmama schmeißt dafür den ganzen Haushalt fast allein. Ich helfe ihr natürlich, aber die Einzigen, die sich dafür auch mal beieinander bedanken, sind meine Gastmama und ich.
Die Kinder helfen meist erst nach mehrmaliger Aufforderung, zum Beispiel das Geschirr abzutrocknen oder den Tisch abzuräumen.

 

Costa Rica Gastfamilie

 

Meine Oma ist das Oberhaupt der Familie. Sie ist sehr herzlich, lustig und ganz „pura vida“.

 

Costa Rica Gasteltern

 

Unsere 2 Hunde Luna und Chiui werden ein wenig wie Geschwister betrachtet und ziemlich verwöhnt, aber natürlich haben sie weniger Rechte.

 

Costa Rica Hund


Alles in allem ist es eine große und glückliche Familie, in der ich gern ein Jahr lang daheim sein möchte.

 

Costa Rica Familie

 

Eure Leandra