Samstag, 23. Juli 2016
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Abschied nehmen und Wiedersehen

Erfahrungsbericht
WELTBÜRGER-Stipendiatin
Leandra H. - Costa Rica

Stipendium gestiftet durch:
weltweiser

 

Schüleraustausch USA


Leipzig, 18.07.2013

 

Wenn sich das Austauschjahr dem Ende zuneigt, dann kommen oft und von allen Seiten Fragen wie: "Na, freust du dich schon wieder auf Deutschland?" oder "Willst du überhaupt wieder zurück?". Die Antwort darauf ist gar nicht so leicht. Natürlich freue ich mich! Aber da ist auch eine große Traurigkeit, weil ich Abschied nehmen muss. Es fällt mir nicht leicht, ein Leben hinter mir zu lassen, das ich mir gerade erst und fast ganz allein aufgebaut habe. Ja, es ist ein ganzes Leben vom „Kleinkindalter“, in dem man die Sprache erst noch lernen musste, bis zum „Teenageralter“, in dem man zur Schule ging und Freunde fand und sogar noch etwas weiter bis zu dem Alter, wo man reift, wirklich erwachsen wird und unheimlich viel über sich selbst erfährt.

 

Von all dem und von den Menschen, die einem zur Seite standen, muss man sich dann auf einmal wieder trennen und was bleibt, sind Erfahrung, Erinnerungen und Freunde fürs Leben, die man leider zurücklassen muss.

 

Wenn ich nun auf mein Auslandsjahr zurückschaue, muss ich sagen, dass es die bisher beste Entscheidung meines Lebens war! Obwohl es natürlich Phasen gab, in denen ich am liebsten alles hingeschmissen hätte und zurück nach Hause geflogen wäre. Aber für solche Fälle hatte ich immer das Glück, großartige Freunde zu haben, die mir halfen oder mich für einen Moment meine Sorgen vergessen ließen. Die schwierigste Zeit waren die ersten zwei bis drei Monate, weil ich da noch keine wirklichen Freunde hatte und die Sprache noch nicht sprechen konnte. Manchmal fühlte ich mich dann nicht verstanden oder ausgegrenzt, aber das ging vorüber. Danach wurde ich entspannter bis zu den letzten Wochen, in denen das schwerste allerdings das Abschiedsgefühl war.

 

Jetzt, nach knapp zwei Wochen wieder in Deutschland, fühle ich mich wieder und immer noch wie in einem Traum. Auch hier sind es gemischte Gefühle. Mal bin ich glücklich über warmes Wasser beim Duschen und mal vermisse ich das schlichte Leben, in dem ich nur das hatte, was ich wirklich brauchte und es eben deswegen zu schätzen wusste und immer noch weiß. Auf der einen Seite stehen all meine „alten“ Freunde und meine Familie und auf der anderen Seite stehen meine Gastfamilie und meine neuen Freunde in Costa Rica, die für mich auch zu einer zweiten Familie geworden sind. Sie alle waren für mich da, wenn es mir nicht gut ging und sie haben mich auf andere Gedanken gebracht, wenn ich Heimweh hatte – was jedoch selten der Fall war und das ist ebenfalls ihnen zu verdanken. Sie waren meine „Ersatzfamilie“ und gehören nun dazu.

 

Aber ich habe hier wieder neue Ziele, die ich erreichen möchte: das Abitur, also die 11. und die 12. Klasse. Dieses Gefühl hatte ich in Costa Rica so nicht. Es war ein Jahr ohne Schulstress und Probleme, quasi ein Jahr Pause vom deutschen Alltag. Das ist wahrscheinlich die beste Methode, sich zu motivieren, bevor man sich in den Abiturkampf stürzt. Man lernt in diesem Jahr, sich selbst mehr zuzutrauen – sowohl in Prüfungen als auch in solch einfachen Dingen wie dem Ansprechen fremder Leute, wenn man nach dem Weg fragen oder um einen Gefallen bitten muss.

 

Ich habe auch gelernt, einen schönen Moment vollkommen und wunschlos zu genießen. Viele Menschen jammern immer, dass man erst merkt was man hatte, wenn man es nicht mehr hat. Aber das liegt ja ganz bei einem selbst! Denn wenn man es schafft, die bemerkenswerten und schönen Momente seines Lebens zu erkennen und dann die Ruhe aufbringt, das einfach so wie es ist zu genießen, macht man sich später keine Vorwürfe, sondern kann die Erinnerung einfach behalten und immer wieder genießen. Ich denke da zum Beispiel an Tage und Abende, an denen ich mit Freunden an einem Fluss saß. Wir haben gesungen, einige von uns haben Gitarre gespielt, geredet, oft haben wir auch gezeichnet oder gemalt und immer viel gelacht. Diese Erinnerungen werden mir immer wieder Kraft geben und mich zum Schmunzeln bringen.

 

An dem Fluss gab es sogar eine kleine Höhle, in die man hinein schwimmen konnte. An der Decke der Höhle wuchsen moosähnliche Algen, die in grün, blau und lila schimmerten. Das sah so schön aus, dass wir ein Foto machen wollten. Aber wir mussten durch den Fluss schwimmen, um zu der Höhle zu gelangen und das wäre meiner Kamera nicht gut bekommen. Luigi, einer meiner neuen Freunde, wollte versuchen, die Kamera über dem Wasser zu halten und damit zur Höhle hinüberzuschwimmen und er schaffte es beinahe. Doch als er die Hälfte des Flusses überquert hatte, fing es plötzlich wie aus Eimern an zu regnen. Luigi – mit der Kamera in der Hand hoch über seinem Kopf – schaute ganz verwirrt drein und wusste gar nicht, was er tun sollte. Wir Anderen am Ufer haben uns kaputtgelacht, weil das so komisch aussah. Die Kamera war danach kaputt und ich um eine wunderschöne und lustige Erinnerung reicher. Das Eine kann man ersetzen, das Andere niemals!

 

Manchmal trafen wir uns auch im Stadtpark, sind geskatet oder einfach mit den Straßenhunden spazieren gegangen. Leider gibt es fast überall in Costa Rica sehr, sehr viele Straßenhunde und kaum jemanden, der sich um sie kümmert, sie zum Beispiel kastrieren lässt, füttert oder verarztet, wenn sie verletzt und krank sind. Sie werden einfach ignoriert. Dabei sind es oft schöne große Hunde, die in Deutschland sehr beliebt wären. Doch in Costa Rica herrscht eine andere Einstellung zu den Tieren und man geht anders mit seinen Haustieren um als wir das in Deutschland gewohnt sind. Zwei Straßenhunde waren fast jeden Tag unsere Begleiter. Die eine ist ganz weiß, wir haben sie Donni genannt und die andere ist komplett schwarz, sie heißt Anima. Wenn wir abends Pizza essen waren, haben wir uns den Teigrand einpacken lassen und ihn den Hunden gegeben. Wenn man genügend Geduld und Respekt aufbringt und irgendwann einen dieser verängstigten und fast verhungerten Hunde anfassen kann, dann lieben sie einen und saugen jede kleine Streicheleinheit, die sie kriegen können, gierig auf.

 

Für die letzten drei Wochen meines Austauschjahres kam mich meine Familie besuchen – meine Mama mit ihrem Freund, meine Oma und mein Opa.

 

Wiedersehen in Costa Rica

 

Als ich meiner Mama am Flughafen in die Arme fiel, löste sich meine ganze Sehnsucht des Jahres in einem heftigen Schluchzen auf.

 

 

Meine Gastfamilie lud uns alle am nächsten Tag zum Abendessen bei meiner Gastoma ein. Das war für mich unheimlich anstrengend, weil ich immer für alle übersetzen musste, aber es war auch total lustig und interessant. Plötzlich treten kulturelle Unterschiede zu Tage, die ich zwar schon kennengelernt hatte, über die ich aber nicht weiter nachgedacht habe. Wenn z. B. jemand einen Scherz über sich selbst macht, ist das für „Ticos“ äußerst peinlich, denn wenn sie ebenfalls darüber lachen, würde das heißen, dass sie sich über den Scherzkeks lustig machen und das erscheint ihnen schrecklich unhöflich.

 

Familie Costa Rica

 

Ich bin dann für ein paar Tage mit meiner Familie durch Costa Rica gefahren – zuerst nach Tortuguero mit einem Boot über den Fluss an die Atlantikküste, am nächsten Tag wieder zurück und mit dem Auto ins Landesinnere bis nach Sarapiqui, wo wir uns eine Unterkunft suchten.

 

Bootsfahrt Costa Rica

 

Was wir fanden, war ein kleiner Traum! Der Besitzer, ein „Tico“, hat ganz versteckt am Stadtrand seinen eigenen kleinen Regenwald angepflanzt und ein paar Häuschen gebaut, die er auch vermietet. Manchmal werden ihm von Einheimischen oder Urlaubern kranke oder verlassene Tiere gebracht, die er dann bei sich und seiner Familie aufnimmt und pflegt, in der Hoffnung, dass sie irgendwann wieder in die Freiheit zurück können. Als wir abends eincheckten und unsere Zimmer bezogen, lud er uns ein, in der Dämmerung „seine“ Frösche zu beobachten. Und da gab es einiges zu sehen!

 

Expedition Costa Rica

 

Er erzählte uns, dass das Weibchen jeden Abend nur ein Männchen „glücklich“ machen kann und zeigte uns, wo es schon einige Eier an einen Stamm geklebt hatte. Er hat sogar einen kleinen Teich angelegt, in dem sich die Kaulquappen des Rotaugenlaubfrosches wohlfühlen.

 

Außerdem brachte er ein 4 Wochen altes Kinkajou-Baby (dt. Wickelbär) mit, das seine Mutter verloren hatte und nun von ihm und seiner Familie aufgezogen wird. Kinkajous sehen aus wie braune kleine Wiesel, haben aber einen langen Schwanz, mit dem sie sich gut in Bäumen festhalten können. Ich verliebte mich sofort in das Tierchen. Beim Frühstück am nächsten Morgen erzählte er uns, dass sie das Kleine überall gesucht hatten und schon dachten, es sei fort, bis sein Sohn es im Kühlschrank fand, wo es frierend und zitternd vom Obst naschte.

 

Tiere Costa Rica

 

Schließlich ist meine Familie ohne mich weitergefahren – quer durch Costa Rica von der Atlantik- bis an die Pazifikküste, weiter Richtung Süden bis zur Halbinsel Osa und wieder zurück durch die Berge nach San José.

 

Pflanze Costa Rica Ochsen Costa Rica

Haus Costa Rica Haus Costa Rica

 

Sie schwärmen alle noch immer von der unglaublichen Pflanzenvielfalt, den unzähligen Tieren, wunderschönen Landschaften und freundlichen Menschen, die sie gesehen haben.

 

Blüte Costa Rica Vulkan Costa Rica

 

Regenwald Costa Rica Landschaft Costa Rica

 

Schlamm Costa Rica Pazifik Costa Rica

 

Ich habe mich derweil auf das Ende meines Austauschjahres bei meiner Gastfamilie und meinen Abschied vorbereitet. Dieser Abschied fiel mir ausgesprochen schwer. Auch nach zwei Wochen wieder in Deutschland hoffe ich manchmal, wenn ich morgens aufwache und die Augen aufmache, wieder dort zu sein. Ich vermisse es, Spanisch zu reden oder mir Scherze über meinen Akzent anhören zu müssen. Aber in der vergangenen Woche hat mich hier in Leipzig ein Spanier nach dem Weg gefragt und gestern in einem spanischen Restaurant trafen wir einen Kellner, der sehr gut Spanisch sprach – über so etwas freue ich mich nun riesig!

 

In Leipzig ist mir jetzt aufgefallen, dass selbst eine relativ große Stadt wie Leipzig im Vergleich zu Guápiles sehr leise ist. Die Menschen sitzen schweigend im Bus oder laufen stumm durch die Straßen. Manchmal hört man zwei oder drei Personen sich leise unterhalten und das strahlt immer eine gewisse Ruhe und Ordnung aus. Auch in einem Kaffee oder einem Restaurant ist nur ein Murmeln zu vernehmen. In Costa Rica dagegen reden die Menschen überall immer sehr laut miteinander. Wenn man dort durch die Straßen läuft, hört man Obsthändler schreien, Kinder toben, Hunde bellen, Jugendliche, die Musik machen oder skaten und schimpfende Autofahrer. Das erweckt den Eindruck von Chaos und Unordnung.

 

Stadt Costa Rica

 

Selbst im Lehrerzimmer der Schule herrscht ein Lautstärkepegel den die meisten deutschen Lehrer wohl keine zehn Minuten ertragen würden.

 

Schuhe Costa Rica

 

All diese Dinge bemerkt man eben erst, wenn man sich Neuem und Anderem geöffnet und es kennengelernt hat. Wenn ich so auf das vergangene Jahr zurück schaue, dann hatte ich selbstverständlich Tiefen, aber die Höhen überwiegen um ein Vielfaches. Ich war so glücklich und sorglos, dass es mir schwer fällt, mich wieder auf meinen deutschen Alltag einzulassen. Aber aus den unzähligen schönen Erinnerungen und Erfahrungen kann ich die nötige Kraft schöpfen.

 

Eure Lea