Donnerstag, 26. Mai 2016
Herzlich Willkommen bei Weltbürger-Stipendien!

Du befindest dich hier: weltbuerger-stipendien.de » WELTBÜRGER-Stipendiaten » Leandra H. (Costa Rica)

"Home"

Erfahrungsbericht
WELTBÜRGER-Stipendiatin
Leandra H. - Costa Rica

Stipendium gestiftet durch:
weltweiser

 

Schüleraustausch USA


Guápiles, 15.03.2013

 

Gedanken einer Austauschschülerin

 

Es gibt ein sehr schönes Lied von Gabrielle Aplin, es heißt „Home“. Darin singt sie, dass es ganz egal ist, wo man sich gerade aufhält und wie unwohl man sich manchmal fühlt, wenn man jemanden gefunden hat, den man liebt – sei es in meinem Fall die Gastfamilie oder Freunde für’s Leben. Es ist also gar nicht so wichtig, wo man ist. Man kann überall zu Hause sein. Was das eigentlich bedeutet, hab ich erst wirklich verstanden, nachdem ich schon seit 5 Monaten in Costa Rica bin.

Ich denke zum Beispiel oft an meinen ersten Schultag hier zurück, an dem ich nichts und niemanden verstanden habe. Aber ich merkte natürlich, dass alle über mich redeten. Das war noch schlimmer als mein erster Schultag an einer neuen Schule in der zweiten Klasse in Deutschland. Damals konnte ich mich immerhin verständlich machen und auch die anderen Schüler und die Lehrer verstehen, aber soweit reichte mein Spanisch am Anfang hier nicht.

 

Und das Erlernen einer neuen Sprache – sozusagen von 0 auf 100 – kostet so viel Energie, dass man abends völlig erschöpft ins Bett fällt, obwohl man eigentlich den ganzen Tag nur im Unterricht gesessen und nicht wirklich etwas verstanden hat.

 

Nachdem ich diese ersten großen Hürden überwunden hatte, war erstmal alles einfach nur schön. Doch nach ungefähr drei Monaten hatte sich meine rosarote Brille verflüchtigt und der Alltag ist fast unmerklich eingekehrt. Außerdem lernt man Dinge über das Land, die Menschen und die Kultur, die einem zumindest anfangs sehr fremd vorkommen.  

Ich musste zum Beispiel lernen, in Diskussionen zum Thema Religion oder Homosexualität und bei abfälligen Bemerkungen über bestimmte „Ausländer“ oder Homosexuelle meine Zunge zu zügeln. Es fällt es mir manchmal wirklich sehr schwer, diese mir so fremden Ansichten einfach als den meinen gleichwertig zu akzeptieren. Wahrscheinlich ist das normal und vielleicht ist es sogar meine Aufgabe, genau diese Toleranz hier zu üben und zu lernen. Wenn man aber doch etwas erwidern möchte, ist es ganz wichtig, seinen Standpunkt so zu präsentieren, dass man den Anderen und seinen Glauben nicht gleich grundsätzlich in Frage stellt, sondern auch ihm und seinem Recht, anders sein zu dürfen, Akzeptanz entgegenbringt. Auf diesem Wege bekam ich die Chance, dass man mir zuhörte und versuchte, auch meine Meinung nachzuvollziehen.

 

Trotzdem mir hier Vieles so konservativ und manchmal falsch erscheint, habe ich doch festgestellt, dass es auch sehr viele, meist junge Ticos gibt, die sich mit genau diesen Themen kritisch auseinandersetzen und etwas bewegen wollen – wie überall in der Welt.

Es ist schließlich menschlich, dass man sich gegen Neues und Unbekanntes erstmal sträubt aus Angst, es könnte sich etwas negativ verändern. Zudem dauert eine Entwicklung in Richtung Akzeptanz und Integration Andersdenkender oder Andersaussehender in einer Gesellschaft oftmals sehr, sehr lange. Auch Deutschland hat es noch lange nicht geschafft! Überzeugungen lassen sich eben nicht einfach „exportieren“.

 

Allerdings haben die Ticos natürlich auch sehr liebenswerte Eigenschaften. Sie begegnen jeder Person zuerst freundlich, aufmerksam und hilfsbereit, egal wie sie aussieht.

 

Und wenn man dann schon eine ganze Weile in dieser Kultur und in ihrem Alltag lebt, gewöhnt man sich nicht nur an die Andersartigkeit, man lernt sie sogar zu lieben – ob man will oder nicht. Es ist wie bei einer richtigen Familie. Mein zweites Zuhause ist hier.

 

Inzwischen weine ich auch nicht mehr, wenn ich daran denke, wie sehr ich Deutschland vermisse. Ich weine jetzt, wenn ich an den Abschied von meiner Gastfamilie, von meinem besten Freund, von all meinen Mitschülern und meinem großen Freundeskreis hier denke. Sie alle begleiten mich durch dieses ganze wundervolle Jahr, durch alle schönen und schweren Momente, lachen mit mir, schimpfen manchmal und geben mir unendlich viel Mut und Kraft.


High School Costa Rica

Das sind die Dinge, die ich erlebt habe und an denen ich zum Teil ziemlich hart arbeiten musste, die ich lernen und an die ich mich anpassen musste. Das alles habe ich geschafft und es ist wahrscheinlich das Erste in meinem Leben, was ich ohne meine deutsche Familie geschafft habe. Irgendwann ist es normal bestimmte Dinge selbst zu tun, aus Fehlern zu lernen, Konsequenzen zu tragen und Prioritäten zu setzen. Das prägt. Und nach einiger Zeit habe ich gemerkt, dass ich zu Hause bin.

 

Erlebnisse einer Austauschschülerin

 

Als die „erste Halbzeit“ meines Austauschjahres zu Ende ging, stand Weihnachten vor der Tür. Zu diesem Fest ist es hier üblich, dass die ganze Familie zusammen kommt. Meine Familie hat die Tradition zu „wichteln“, da wir sehr viele sind und nicht jeder jedem etwas schenken kann. Nach dem Essen kam dann die Bescherung und dann wurde noch stundenlang bis in die Nacht hinein geredet. An diesem Abend gab es außerdem einen Stromausfall. So saßen wir im spärlich-schönen Licht einiger Teelichte und unterhielten uns über Gott und die Welt. Schließlich machten sich die Gäste nach und nach machten auf den Weg zu ihren eigenen Häusern. Als ich mich von meiner schwangeren Gast-Cousine verabschieden wollte, bekam sie ganz plötzlich einen epileptischen Anfall. Ich war wie versteinert vor Schreck und zunächst verstand niemand, was da gerade passierte. Meine Tante und mein Onkel reagierten sehr schnell. Sie halfen ihr und fuhren mit ihr ins Krankenhaus. Dann konnten wir nur noch auf eine SMS oder einen Anruf warten, der uns hoffentlich sagen würde, dass es ihr und ihrem Baby gut geht. Die gute Nachricht kam zum Glück am nächsten Morgen. Das waren mit Abstand die turbulentesten Weihnachten, die ich erlebt habe.

Eigentlich laufen alle Feste so ab, dass die ganze Familie zusammenkommt. Die Ticos haben nicht  nur große Familien, sie bleiben auch meistens unter sich und so war es auch zu Silvester bei meinem Onkel in seinem schönen großen Haus im warmen Limón. Wir haben die ganze Nacht getanzt, gelacht und gequatscht. Um Mitternacht haben wir uns in einem großen Kreis aufgestellt und meine Oma hat für jeden einzelnen von uns gebetet. Das hat mich tief bewegt. Danach wurde weiter gefeiert bis wir irgendwann im Morgengrauen alle in die Betten fielen.

 

Schüleraustausch Costa Rica

Bisher gab es kein Problem mit meiner Familie, das ich nicht lösen konnte. Wir bringen alle viel Verständnis und Geduld füreinander auf. Wenn bei mir in der Schule Examen geschrieben werden, dann bleibe ich meistens zu Hause und bin den ganzen Tag mit meiner Gastmama allein. Dann helfe ich ihr gerne beim Kochen – soweit mein bisher begrenztes Kochtalent das zulässt. Dabei reden wir über die Problemchen oder Neuigkeiten in der Familie und wenn mein Gastpapa von der Arbeit kommt, ist gleich wieder Stimmung und Bambule in der Bude.

Meine „abuelita“, meine Gastoma, ist eine ganz besondere Person. Sie ist die Art Mensch, die sich um jeden kümmert und erst, wenn es allen gut geht, an sich selbst denkt. Vor ein paar Wochen saß ich mit ihr am Mittagstisch und wir sprachen über verschiedene Herzkrankheiten. Da erzählte sie mir, dass ihr Herz zu groß sei, und zwar nicht nur physisch gesehen und das stimmt!

 

Schüleraustausch Gastfamilie

In Costa Rica gehören auch die Hunde zur Familie. Wir haben zwei Hunde: Chiui und Luna. Chiui ist der undankbarste und gemeinste Hund den ich je kennengelernt habe und Luna dagegen die harmoniebedürftigste Hündin, die ich mir vorstellen kann. Wenn wir für ein paar Tage weg sind und niemand daheim ist, versorgt mein Cousin die Hunde mit Essen und Trinken, aber wenn er Chiui ruft, hört man nur ein lautes wütendes Knurren, selbst wenn der Hund ihn noch gar nicht sehen kann.

Die großen Ferien dauern hier ungefähr zwei Monate und liegen um Weihnachten und Neujahr herum – dann ist hier Sommer, obwohl es ja eigentlich immer warm ist. Das sind zwei Monate Zeit, um an traumhafte Strände zu fahren und das Land zu entdecken. Mit fünf anderen deutschen Freunden war ich zum Beispiel für vier Tage in Cahuita und etwas später bin ich mit einer Freundin nach Puerto Viejo gefahren. Dort trafen wir zwei Neuseeländer, die zum Surfen nach Costa Rica gekommen waren. Da lag es nahe, das ich zum ersten Mal in meinem Leben versuchen sollte, auf einem Surfbrett zu stehen und das ging besser, als ich zunächst dachte. Es war so ein großartiges Gefühl von der Welle bis fast wieder an den Strand getragen zu werden! Aber nach den langen Tagen im Wasser und in der prallen Sonne sahen wir aus wie 4 Tomaten am Strand. Am Abend haben wir gemeinsam gekocht und uns bis in die Nacht hinein bei guter Musik unterhalten.


Die letzte Ferienwoche habe ich mit meiner Gastfamilie in Guanacaste verbracht, einem der schönsten Orte in Costa Rica. Wir haben dort die schönsten Strände und jedes Souvenirgeschäft abgeklappert. Nach diesen Ferien brauchte meine von der Sonne gefolterte Haut allerdings einige Zeit, um sich wieder zu beruhigen.

 

In Costa Rica gibt es unendlich viele und verschiedenste Faultiere. Sie bewegen sich tatsächlich nur seeeehr langsam und mir scheint, dass sie auch im Denken nicht die Schnellsten sind. Es soll schon vorgekommen sein, dass Faultiere ihren eigenen Arm für einen Ast hielten, den richtigen Ast also los ließen, hinunter fielen und sogar dabei ums Leben kamen. Wieder einige von ihnen haben offenbar eine große Vorliebe für Stacheldraht. Sie hängen sich zum Schlafen und Ausruhen einfach mit den Füßen zwischen den Stacheln an den Zaun. Das habe ich selbst gesehen und natürlich gleich fotografiert. Das ist schon wirklich eine sehr spezielle Schöpfung der Natur!

 

Schüleraustausch Tierwelt

 

Auch unzählige und wunderschöne Vogelarten kann man hier sehr gut beobachten. Dazu braucht man allerdings etwas Geduld und Zeit. Ich hatte zum Beispiel das Glück, einmal zwei Kolibris in einem Garten beobachten zu können. Dabei konnte ich genau sehen, dass die Zunge dieses Vogels doppelt so lang ist, wie der ohnehin schon sehr lange Schnabel. Es sind sehr schöne und faszinierende Tiere – nicht umsonst zieren sie eine costaricanische Banknote.


SChüleraustausch Costa Rica

 

Eure Lea