Montag, 5. Dezember 2016
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Rêve et Réalité

Erfahrungsbericht
WELTBÜRGER-Stipendiatin
Annabell K. - Frankreich

Stipendium gestiftet durch:
YFU



Schüleraustausch Frankreich


Vor einigen Wochen bekam ich per Post einen Brief zugestellt, meine französische Adresse war mit meiner eigenen Handschrift darauf geschrieben. Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, dass ich ihn vor gut fünf Monaten im Ankunftscamp an mich selber verfasst hatte. Thema dieser Zeilen waren meine Ängste, Sorgen, Erwartungen und Hoffnungen für das mir bevorstehende Jahr. Während ich ihn las, musste ich schmunzeln, denn manche Sorgen, von denen ich dachte, sie würden mir große Schwierigkeiten bereiten, haben sich als völlig harmlos herausgestellt und manche Probleme, mit denen ich konfrontiert worden bin, konnte ich zu diesem frühen Zeitpunkt nicht einmal erahnen. Zwischen dem, was ich dachte das mich erwarten würde und meinen tatsächlichen Erfahrungen liegen teilweise gewaltige Unterschiede. Ich konnte zu diesem Zeitpunkt, es war der dritte Tag meines Vorbereitungscamps, nur wage erahnen, was ich alles erleben würde. Aber das ist es wahrscheinlich, was das Leben spannend macht: nicht immer zu wissen, was mich erwartet. Eine Art das Leben zu schätzen, die ich mir hier in Frankreich angeeignet habe.


Als ich diesen Brief verfasste, hatte ich einige Sorgen, was die Schule betraf. Würde ich mit meinen grundlegenden Französisch-Kenntnissen überhaupt dem Unterricht folgen können? Ich muss sagen, dass es anfangs nicht so leicht war, aber mit der Zeit lernte ich schnell dazu und verstand den Unterricht immer besser. Bei mir hat es ungefähr zwei Monate gedauert bis ich eine deutliche Verbesserung feststellte. Man muss einfach Geduld haben! Heute komme ich sehr gut mit, mache ohne Probleme und Wörterbuch meine Hausaufgaben, habe auch bereits einige Bücher auf Französisch gelesen und schreibe Noten in Arbeiten wie die anderen in meiner Klasse.

 

Hier nur ein Beispiel, um zu zeigen, wie es vorangeht… Am Anfang des Jahres wollte mein Französischerer mir keine Note geben, weil er es unfair fand, mir trotz meiner Mühen 01/20 zu geben. Ich habe mit ihm gesprochen und er wollte mich nach und nach wie die anderen benoten. Im BAC Blanc (so etwas wie die Generalprobe für das Französisch-Abitur, dass die Franzosen bereits in der elften Klasse absolvieren), das ich mitgeschrieben habe, hatte ich bereits 08/20 Punkten. Heute bekam ich einen Aufsatz über Molières "Dom Juan" zurück, indem er mich exakt wie alle anderen benotet hatte: 10/20 mit einer relativ guten französischen Ausdrucksweise. Ein enormer Fortschritt, wenn man bedenkt, dass ich mich durch das komische Drama durchgearbeitet habe in dem Glauben, Sganarelle, eine der eigentlich männlichen Hauptpersonen, sei eine Frau. Und wer weiß, vielleicht habe ich im dritten Semester sogar mal eine 13/20…


Eine weitere Angelegenheit, über die ich mir so einige Sorgen gemacht hatte, war meine zukünftige Klasse und die Befürchtung, keine Freunde zu finden. Normalerweise bin ich kein schüchterner Mensch, gehe ohne Probleme auf andere zu und Freunde mich schnell an, aber tatsächlich hatte ich hier ein wenig Probleme, meinen Platz zu finden. Ich war zurückhaltender, was nicht unbedingt ein Fehler war, und vielleicht lag es auch an der sprachlichen Barriere, die man erst einmal überwunden haben muss, um gute Freunde zu finden. Ich habe, was meine Clique betrifft, ein bisschen gebraucht, um zu sehen, zu wem ich wirklich passe und verbringe jetzt die meiste Zeit mit meiner kleinen Gruppe von Freunden und bin damit recht zufrieden. Ich habe eigentlich nur zwei richtige Freunde: Benjamin (von dem ich ja bereits geschrieben habe) und Linnea (eine Dänin, die ebenfalls 10 Monate in Frankreich bleibt) mit denen ich hoffentlich auch noch nach dieser begrenzten Zeit in Frankreich Kontakt halten werde. Aber meiner Meinung nach zählt bei Freunden die Qualität und nicht die Quantität!

 

Schüleraustausch Frankreich Freunde

 

High School Frankreich

 


Mit meiner Klasse hingegen, hatte ich in der Tat einige Probleme, ausgelöst durch Missverständnisse, Gerüchten, denen ich zu leicht Glauben geschenkt hatte, und mangelnder Kommunikation. Die Atmosphäre in meiner Klasse ist ohnehin nicht sehr freundlich, es gibt viele Grüppchen, die sich untereinander nicht ausstehen können und auch Mobbing. Die Komposition dieser Gruppe klappt einfach nicht zusammen. Selbst einige Franzosen fühlen sich nicht sehr wohl und das ist natürlich nicht gerade eine gute Basis, um sich als Austauschschülerin zu integrieren. Das hat dazu geführt, dass ich mich in meiner Klasse nicht wohl und generell allein gefühlt habe und war demzufolge nicht sehr glücklich. Alleinsein - der größte Horror, den ich mir ausmalen konnte: daneben zu stehen, nicht dazuzugehören, nichts zu verstehen, nur die zu sein, die sowieso bald wieder weg ist, mit der sich das Anfreunden also gar nicht erst lohnt…


Und weil ich außer mit meinen französischen Eltern mit fast niemandem darüber geredet habe und mich immer mehr verschlossen habe, was normalerweise so überhaupt nicht meine Art ist, hat sich an der Situation auch nicht viel geändert und am Ende der Jahres folgte dann ein großes Stimmungstief!


Mehrere erfahrene Leute, unter anderem auch Élodie, meine Ansprechperson, haben gesagt, dass es normal sei, sich in der Zeit von Weihnachten und Silvester etwas allein zu fühlen. Aber nur, weil es die anderen sagten, ging es mir nicht unbedingt besser. Ich habe mich dann doch irgendwie aufgerafft, denn es ist nicht wirklich meine Art, lange in Selbstmittleid zu versinken. Außerdem hatte ich mit Benjamin geredet und so schafften sich auch die Missverständnisse mit meiner Klasse aus der Welt und es ging bergauf.

 

Gastfamilie Schüleraustausch Frankreich

 


Heute komme ich mit der Mehrheit meiner Mitschüler sehr gut aus, habe keine Angst mehr mit meinen Mitschülern zu reden und mir geht es dadurch VIEL besser. Ich hatte auch ein Gespräch mit meinem Klassenlehrer, wie jeder in der Klasse, und er hatte mir sogar angeboten, die Klasse zu wechseln, aber das ist für mich jetzt keine Option mehr. Ich habe meine Freunde gefunden und fühle mich jetzt wohl, obwohl es eben immer noch einige wenige Leute gibt, die versuchen, den anderen das Leben schwer zu machen.


Aber wenn ich ehrlich bin, ist das kein Problem, dem ich nur im Ausland hätte begegnen können. Das hätte mir in Deutschland ebenfalls passieren können. Ich bin nur froh, dass sich das wieder hingebogen hat, denn ich habe in der Zeit Ende Dezember, Anfang Januar echt gelitten.

 

Auslandsjahr Frankreich Freunde

 


Ein andrerer Aspekt, der essentiell für ein gut laufendes Auslandsjahr ist, ist die Gastfamilie. Durch Freunde und Bekannte, die schon einmal jemanden aufgenommen haben, Gerüchte oder über die Organisation hatte ich viele Geschichten gehört, wie es nicht gut gelaufen ist und natürlich wünschte ich mir, dass bei mir alles reibungslos funktionieren würde. Ich kannte meine französische Familie fast gar nicht, eigentlich waren es Fremde, bei denen ich von heute auf morgen einzog, demzufolge gespannt war ich und hoffte, dass wir gut miteinander auskommen würden. Und meine Hoffnungen wurden erfüllt. Ich komme super gut mit ihnen klar, wurde herzlich aufgenommen und sie behandeln mich wirklich wie ihre eigene Tochter, was für mich ein großes Geschenk ist. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass ich sie auf eine spezielle Art liebe. Meine Angst war also völlig unbegründet. Aber natürlich gibt es auch negative Beispiele: Ich kenne ausreichend Jugendliche, die schon einmal die Gastfamilie gewechselt haben oder sogar in ihr Heimatland zurückgereist sind.


Der einzige Mängelpunkt, den ich hier anführen könnte ist die eher kühle Beziehung zu Léa, meiner jüngeren Gastschwester. Wir sind sehr verschieden und obwohl wir uns beide eine engere Freundschaft erhofft hatten, kann man keine Sympathie erzwingen und so haben wir uns arrangiert, auch wenn ich immer noch hoffe, dass sich das eines Tages ändern wird. Natürlich hätte Einiges besser laufen können, aber im Vergleich mit manch anderen habe ich richtig großes Glück und das Leben ist nun mal nicht perfekt!

 

Familienurlaub Schüleraustausch Frankreich


Dann gibt es natürlich noch die Angst, wenn man so weit von seiner Familie entfernt ist, fürchterliches Heimweh zu bekommen und Abende mit Weinen zu verbringen. Ich weiß nicht, ob ich ein atypisches Beispiel bin, aber lange Zeit hatte ich fast kein Heimweh. Ich denke Menschen, die zu sehr an ihren Familien hängen und keine drei Tage ohne ihre Eltern auskommen können, werden sich sowieso nicht für ein Auslandsjahr entscheiden, denn das gehört nun mal einfach mit dazu.


Also ich komme erstaunlich gut mit der Distanz klar. Ich fühle mich als wäre ich ausgezogen und lebte nun in einer anderen Stadt. Aber ich muss auch zugeben, dass in den schweren Momenten und besonders während meines großen Tiefs am Ende des Jahres, haben sie mir doch sehr gefehlt. Aber für meine Eltern war es das Gleiche.


Mittlerweile hat ein bisschen Heimweh eingesetzt, besonders fehlen mir mein 13-jähriger Bruder Leonard, Francesca, eine sehr gute Freundin, und Max, mein Freund, den ich leider in Deutschland zurücklassen musste.
Und das ist auch schon die nächste Ungewissheit, mit der ich weggereist bin: wie wird es für uns als Paar weitergehen, wenn ich so lange weg sein werde? Das war DIE große Frage, die ich nicht so richtig beantworten konnte. Natürlich hatten wir Angst, dass unsere Beziehung durch die Distanz in die Brüche gehen würde, dass man sich irgendwann auseinanderlebt und die Gefühle verschwinden werden. Natürlich ist es schwer und er fehlt mir unheimlich, aber wir haben uns keinen Stress gemacht, sondern es auf uns zukommen lassen und so war es genau richtig, denn es läuft super! Also auch wenn es schwierig ist: Auslandjahr und Freund kann funktionieren, wenn man sich genug liebt, ausreichend Vertrauen hat und das ganze einfach ohne Druck angeht. Jetzt haben wir uns seit sechs Monaten nicht persönlich gesehen und es bleiben noch vier, aber ich hoffe und denke, dass wir das auch noch aushalten werden, denn Max ist eine der wichtigsten Personen in meinem Leben. Er hat mich während meines Aufenthaltes hier viel unterstützt und ich will ihn auf keinen Fall verlieren!
´Jede Tat beginnt mit einem Traum´ und ich würde mich jeder Zeit wieder für ein Jahr in Frankreich entscheiden!


Aber man sollte sich wirklich gut überlegen, ob man wirklich bereit ist, diesen enormen Schritt zu wagen, denn das ist nicht Ohne. Es wird schwere Zeiten geben und nicht in jedem Fall hat man so viel Glück wie ich es hatte. Man sollte sich darüber bewusst sein, dass sich sein ganzes Leben verändern wird und damit auch automatisch das der Familie und der Nahestehenden. Es wird unweigerlich nicht alles so verlaufen, wie man es sich vorgestellt hat. Denn zwischen dem Traum und der Realität gibt es einen Unterschied, den man nicht unterschätzen sollte!

 

Annabell