Donnerstag, 26. Mai 2016
Herzlich Willkommen bei Weltbürger-Stipendien!

Schüleraustausch Schottland -
Im Norden der grünen Insel

Zweiter Erfahrungsbericht
WELTBÜRGER-Stipendiatin
Theresa Josephine A. - Schottland

Stipendium gestiftet durch:
EF Education First

 

Schüleraustausch Costa Rica

 

 

So langsam neigt sich die Zeit in Schottland dem Ende zu und die Gedanken an den Abschied schmerzen schon sehr. Nach allem was man so mit den Leuten hier erlebt hat … von Schulveranstaltungen bis hin zu sonnigen Tagen im Park, war alles dabei. Auch wenn nicht immer alles einfach war und man durch schlechte wie gute Situationen musste, hätte ich mir kein besseres Jahr hier in Schottland vorstellen können.

 

Schüleraustausch SChottland

Meine zwei Norweger im Kilt auf dem Weg zum Prom …
unser letztes gemeinsames Fest.

 

Meine (Gast-)Familie hat viel dazu beigetragen, dass ich mich hier willkommen und wohlfühlen konnte. Gemeinsam mit meiner Gastmutter, ihrem Sohn und zwei Norwegern wohne ich Tag und Nacht zusammen, ab und zu werden wir noch durch ihre zwei Enken ergänzt. Gezwungenermaßen muss man zu allen eine Beziehung aufbauen, was als offener Mensch, der sich ohnehin schon nicht viele Gedanken über Gott und die Welt macht, leichter sein wird als für andere. Zum Glück haben wir alle mehrere Charakterzüge gemein, wie zum Beispiel einen starken Willen und nicht die Bereitschaft nachzugeben. Klar kam es zu mehr als nur einen Auseinandersetzung, aber darüber konnte nach schon zwei Stunden wieder gelacht werden. Mit meiner Gastmutter rede ich meistens morgens wenn die Jungs noch alle schlafen, sie ist so herzlich und allem aufgeschlossen ohne dabei andere in deren Charakter zu beschränken. Schnell haben wir auch Sachen wie ihr Familienleben besprochen, es tat ihr sichtlich gut all das loszuwerden, was sie scheinbar mit männlichen Austauschschülern oder ihrem Sohn nicht besprechen kann. Sie hatte auch selbst gesagt, dass sie genau diese Momente vermissen wird! Sie hat schon Vieles durchgemacht in ihrem Leben, was kaum welche wissen, und dann immer noch so freundlich und gutherzig mit allen Menschen umzugehen, ist für mich beeindruckend, ganz bestimmt wird sie mir fehlen wenn ich wieder zuhause bin! Mit den Jungs ist das eher eine längere Geschichte:

 

Einer der Norweger hat sich schon von Anfang an mit mir die Familie geteilt und war wesentlich besser in Englisch als ich und konnte sich deshalb mit allen besser verständigen, was mich eifersüchtig und traurig gemacht hatte. Außerdem ist er oft bis um 3 Uhr am Nachmittag in seinem Zimmer geblieben und hat kaum mit mir geredet und ich dachte schon „Na toll, der zeigt ja echt Interesse daran mich kennen zu lernen. Und mit dem muss ich 10 Monate unter einem Dach wohnen“. Spätestens nach meinem Geburtstag (3 Tage nach der Ankunft) ist dann aber endlich das Eis gebrochen, als wir mit den 3 anderen Austauschschülern aus der kleinen Stadt zusammen an deinem Tisch saßen und den Geburtstagskuchen schnabuliert haben.

 

Erst zwei Monate nachdem unser Jahr hier angefangen hat, kam der zweite Norweger mit in unsere Familie, da er vorher bei einer anderen Gastfamilie gewohnt hatte. Da es zwischen denen aber leider nicht geklappt hatte, brauchte er eine neue Bleibe. Gemeinsam waren wir jetzt EIN TEAM, da wir auch in der Schule oft miteinander gesprochen haben, gab es keine Differenzen oder Schwierigkeiten miteinander. Es war erstaunlich, wie sehr wir doch alle immer mehr aufeinander zugegangen sind, gegenseitig geneckt und geärgert und Streiche gespielt haben … Eben wie richtige Geschwister. Mitgemischt hat auch der Sohn von unserer Gastmutter, zwar ist er zwei Jahre älter als die Norweger und drei Jahre älter als ich, aber im Kopf kann er genauso verblödet, tollpatschig und kindisch sein wie wir alle, weshalb sein Alter für uns keinen Unterschied gemacht hat. Im Laufe der Zeit habe ich ihn als meine Bezugsperson angesehen, da wir oft zusammen gegen die anderen vorgegangen sind (nur bei „Showfights“) Jeder hat seinen Platz in der Familie und ich bin halt die kleine verrückte Schwester, die die anderen gerne ärgert aber weiß, dass sie dafür einstecken muss … so schmeißen die Jungs mich dann einfach über ihren Rücken, stecken mich in die Papiertonne und schließen die Haustür ab (ich kann schon durch die Hintertür wieder ins Haus). Es ist alles ein bisschen anders als in anderen Familien, deswegen bezeichnet unsere Gastmutter auch gerne als „geisteskrank“ oder wir würden in einem „Irrenhaus“ wohnen.

 

Austauschjahr Schottland

Hier eine kleine Erinnerung an ein Lagerfeuer, das wir im November hatten.
Eine kleine Verbrennung von Sperrholz hat sich in einen Stundenlangen
Fotomarathon verwandelt bei dem wir eindeutig zu viel Spaß hatten mit
dem Feuer zu experimentieren. Keine Sorge, es ist nichts passiert, da wir
trotz unserer teils kindischen Art immer noch vernünftig sind/seien können.
 

 

Leider haben sich die Leute an unserer Schule sehr zerstritten, da die Gruppen, die für sechs Jahre zusammen hingen, sich auf einmal auflösen, so kurz bevor man die Schule verlässt. Das wird nicht nur von uns beobachtet, die ganze Schule und insbesondere Schulleitung muss zusehen, wie sich die von ihnen sogenannte „beste Abschlussklasse“ auseinanderlebt. Traurig, aber gerade unter diesen Umständen habe ich nochmal eine handvoll Neue kennengelernt, die mir in der kurzen Zeit doch echt noch wichtig geworden sind Im Nachhinein ist es schade, dass man vorher nicht miteinander reden konnte, weil man einfach in verschieden Gruppen seine Zeit verbracht hat. – Besser spät als nie. Generell mache ich viel mehr mit Leuten aus der Schule, seit wir wegen unseren Examen zuhause sein und lernen können („Study Leave“).

 

Von Kino über den Eurovision Song Contest zusammen schauen bis hin zu gemeinsam den Kilt für den Prom auszusuchen und sich danach ein Eis im Park zu gönnen war alles wunderbar! Und es schmerzt mich so sehr ihnen am Abschied eine Umarmung zu geben mit den Worten sie hoffentlich noch einmal zusehen, bevor man nach Hause geht. Mit anderen Austauschschülern trifft man sich auch noch, die sind ja alle ganz lieb, nett und freundlich, aber mittlerweile drehen sich die meisten Gespräche einfach nur um Sprachunterschiede und wie sehr man sich freut, wieder nach Hause zu gehen. Ich kann mich da leider gar nicht mit anfreunden, weil ich das Leben hier einfach zu sehr vermissen werde. Bevor ich hier hergekommen bin, habe ich gar nicht viel davon erwartet, vielmehr war ich von der Idee entzückt, ein Jahr ohne die Aufsicht meiner Eltern zu verbringen (tut mir leid!).

 

Nach dieser Zeit ist es so, als ob ich etwas gefunden habe, das ich vorher nicht hatte. Es mag schnulzig klingen, aber es stimmt: Schottland ist mein zweites Zuhause geworden, ich habe es leben und lieben gelernt und in mein Herz geschlossen. Von hier wieder weg zu gehen und es hinter mir zu lassen, tut mir unglaublich weh. Deswegen habe ich schon einige Tränen vergossen und meine Brüder mussten dann ran, um mich wieder aufzumuntern - und wenn man dann halt den ganzen Abend in der Küche stand um sich gut zuzureden und einander zu umarmen – es hilft!

 

Gastfamilie Schottland

Meine „Brüder genießen einen Abend bei Stockcars,
einem wöchentlichen Autorennen in der Nachbarstadt,
bei dem es hauptsächlich darum geht, den anderen
Fahrer in die Wand fahren zu lassen oder ihm einfach
den Kofferraum zu verkleinern. Nebensache sind dabei
Punkte oder Meisterschaften – für mich. Diese Events
sind zu einer Leidenschaft geworden … Schade, dass ich
daheim diese Möglichkeit nicht so oft haben werde,
dennoch hat mein „Bruder“ mir Bilder versprochen, und
wenn ich zu Besuch komme, zahlt er für Eintritt sowie
„Chips-Cheese&Currysauce“ - unser traditioneller Snack
des Abends.“

 

Es war ein unglaublich gelungenes Jahr, vom morgendlichen Kampf um das Bad bis hin zum gemeinsamen Kartenspiel am Abend. Die Leute hier sind mir so sehr ans Herz gewachsen - schade, dass es nicht für immer so sein kann, aber wir werden uns definitiv wiedersehen. Ich werde es vermissen, am Morgen aufzuwachen und sich auf den Weg in noch unbekannte Städte zu begeben, Neues zu erleben oder einfach neue Freunde kennenzulernen. Ich danke allen, die dieses Jahr so unvergesslich für mich gemacht haben: Die Organisation EF mit ihren urkomischen Mitarbeitern in London und vor Ort, meiner genialen Gastfamilie, alle neugewonnen Freunde aus der Schule oder generell aus dem Ort und nicht das ich es vergesse … danke Mama und Papa, dass ihr das alles bezahlt habt. hahaha

 

Abschlussball Schottland

Das gesamte Jahr zusammen auf einem Bild, alle Streitereien und Gruppenzugehörigkeiten vergessen. Was für ein gelungener Abend, um sich am Ende von allen zu verabschieden. Noch dazu haben fast alle Jungs einen Kilt getragen, was dem ganzen Anlass noch einen besonderen Touch gegeben hat, aber auch bei den Mädchen waren alle möglichen Kleider dabei - geliehene, gekaufte oder sogar selbst genähte.

 

Erst heute saß ich mit meinen „Brüdern“ beisammen und wir haben darüber geredet, wie wir am Anfang aufeinander gewirkt haben und wie sehr man sich doch verändern kann in nur 10 Monaten. Es ist unglaublich, wir sind alle viel verantwortungsbewusster und erwachsener geworden, ohne unsere eigentliche Persönlichkeit zu verändern. Darauf können wir stolz sein, da wir jetzt genauer wissen, wer wir sind/seien wollen. Ein Lehrer hat mir am letzten Tag ein paar ganz wichtige Worte mit auf den Weg gegeben, die ich gerne mit euch teilen möchte:


"Arbeite, als ob du das Geld nicht bräuchtest. Liebe, als ob du nie verletzt wurdest. Tanze, als ob dich keiner sieht. Genieße dein Leben und ergreife jede Chance, das Schlimmste was dir im Leben passieren kann ist zu bereuen, dass du Möglichkeiten nicht verwirklicht hast."